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Mein Leben als Mensch (Teil 25): Das Recht auf Klolektüre

Gut möglich, dass bald unsere Handy-, Telefon- und Internetdaten dauerhaft gespeichert werden, weil es nach Ansicht unserer Regierung sehr gut sein könnte, dass wir alle - Sie und ich - ununterbrochen Straftaten vorbereiten und diese am Telefon besprechen.

Von Jan Weiler

Es gibt Zeitgenossen, die das Anlegen dieses sogenannten Datenvorrates für hysterisch und gesetzwidrig halten, aber Gesetze kann man ändern. Ich würde dies sogar begrüßen, denn das gäbe uns kleinen bespitzelten Bürgerlein die Chance, uns am Staat zu rächen. Wie wir das anstellen? Indem wir uns alle gegenseitig denunzieren, was das Zeug hält. Dann müssten die Beamten Millionen von SMS entschlüsseln, E-Mails checken, Verbindungen überprüfen und Beziehungen herstellen.

Ich würde jedenfalls gleich

mal meine Oma verpfeifen. Das Bundeskriminalamt hätte dann genau zu überprüfen, mit wem meine Oma so telefoniert. Das ist sicher hochinteressant. Ich würde es den Herren gönnen, wenn sie außerdem jedes ihrer Telefonate mitschneiden und auswerten müssten. Aus dem Satz "Heute ist dem Opa das Gebiss ins Klo gefallen" würden die Herren im Halbdunkel sicher eine brisante Info entschlüsseln. "Opa" wäre womöglich die alte kommunistische Diktatur in Kuba. "Das Gebiss" könnte eine Waffe sein, vielleicht sogar etwas Atomares; und "ins Klo gefallen" kann ja nun leicht bedeuten, dass sich etwas im oder auf dem Wasser befindet. Das größte Wasser der Welt ist das Meer, dechiffriert man also die Mitteilung meiner Oma, so lautet sie: "Die Genossen aus dem Bruderland Kuba haben soeben den atomaren Sprengkopf auf die Reise über den Atlantik zu uns geschickt." Ich würde meine Oma sofort festnehmen.

Zu den wenigen Grundrechten, die weder von Herrn Beckstein noch von Herrn Schily und noch nicht einmal von Herrn Schäuble in Zweifel gezogen werden, gehört das Recht auf Klolektüre. Ich mache davon täglich Gebrauch. Zurzeit studiere ich ausgiebig die Periodika der Firma Manufactum. Man liest dort Unglaubliches, wie zum Beispiel folgenden Satz über Tiroler Steinöl, welches laut Manufactum im Karwendelgebirge "bergmännisch abgebaut" wird: "Der Ölschiefer wird zerkleinert und zu einer Schwelanlage befördert. Bei rund 450° C entweicht dort das Öl gasförmig und kondensiert tropfenweise wieder." Himmel! Und so etwas Tolles kann man tatsächlich kaufen!

Manufactum gebührt der Friedensnobelpreis, denn alle, alle guten Sachen, die dort verkauft werden, sind in selbstloser Opferbereitschaft entstanden. Sogar allerprofanste Selbstverständlichkeiten mutieren im Manufactum-Katalog zu altruistischen Geschenken an die Menschheit. So heißt es über einen Luftbefeuchter: "Der kunststoffummantelte Drahthaken kann je nach Heizung in die benötigte Form gebogen werden." Danke. Danke. Danke. Ein Nagel ist auch kein Nagel, sondern ein "gebläut gehärteter Stahldraht". Er ist "sauberst durch Schliff gespitzt und geht glatt in alle Materialien". Na, so was. Wer hätte das gedacht. Bei Manufactum gibt es sogar etwas zu essen: "Labskaus vom Highland-Cattle" und "Ostheimer Leberkäs", und zwar aus der Dose. Herrlich. Die Tiere haben aus reiner Menschenliebe Selbstmord begangen und sind anschließend durch den Fleischwolf gekrabbelt, um schließlich von innen den Dosendeckel hinter sich zuzuziehen. Meine Theorie: Wenn die Welt wäre wie der Manufactum-Katalog, dann brauchten wir keinen Innenminister Schäuble mehr.

Neulich war der Katalog

allerdings verschwunden. Ich musste etwas anderes lesen und griff zu der Verpackung eines Verhütungsmittels namens Persona. Es funktioniert verkürzt gesagt so, dass die Frau auf ein Persona-Stäbchen pinkelt und dann mit einem kleinen Computer sehen kann, ob sie gerade fruchtbar ist. Jedenfalls steht auf der Verpackung ein zauberhafter Satz: "Der PERSONA Beratungsservice besteht aus einem Sprachcomputer, der rund um die Uhr abrufbereit ist." Da rufe ich an! Hoffentlich wird das Gespräch vom Bundeskriminalamt mitgeschnitten.

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