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Mein Leben als Mensch (Teil 27): Helden der Arbeit

Neulich sah ich den Chef der Deutschen Bahn - diesen Herrn Mehdorn - im Fernsehen vor einem DBLogo stehen. Neben dem Logo stand der Spruch: "Zukunft bewegen".

Von Jan Weiler

Ich finde, dieses schon sprachlich bemerkenswert holprige Motto bringt ausgezeichnet auf den Punkt, was an der Bahn nicht stimmt: Die soll nämlich gefälligst nicht die Zukunft bewegen, sondern mich. Und dies bitte schön jetzt und nicht in Zukunft. Ich möchte überhaupt gar keine Zukunftsbahn, was immer das auch sein mag, sondern eine ganz normale bitte. Mit erster und zweiter Klasse, möglichst vielen freien Plätzen und all den Unzulänglichkeiten, die das Bahnfahren für mich überhaupt erst zu dem transzendenten Ereignis machen, das es ist. Ich liebe zum Beispiel das leicht Angegammelte der meisten Züge.

Weit gereister Siff

Transitorischer Schmutz ist das. Weit gereister Siff, irgendwann eingeschleppt und nun für immer auf der Reise. Sauber wären Züge mir verdächtig, denn Sauberkeit setzt voraus, dass man Zeit hat, sich zu kümmern. Und Züge sollen keine Zeit haben. Sie sollen fahren. So wie die frühen Versionen des ICE, die immer noch unterwegs sind und den Fahrgast mit dem schaurigen Liebreiz ihrer Möblierung begrüßen. Es dominieren türkis- und magentafarbene Details. Irgendwie erinnern mich diese Züge immer an RTL-Studiodekorationen aus den späten Achtzigern. Man könnte sich in ihnen gut Hans Meiser als Schaffner vorstellen. Zum großen Zauber der Bahn gehören auch die Verspätungen. Ich befürchte, dass sie bei Mehdorns Zukunftsplänen keine Rolle mehr spielen sollen, und das finde ich eine Frechheit, denn Verspätungen sind das Tollste, was es gibt, jedenfalls solange man im Zug sitzt und nicht auf einem windigen Bahnsteig. Ich habe dann jedes Mal das Gefühl, in einer Zeitkapsel zu reisen. Man glaubt zunächst, eine Fahrt dauere vier Stunden, aber dann dauert diese Fahrt fünf Stunden, die ich aber genauso verbringe, als wären es nur vier.

Ich bekomme also eine Stunde Lebenszeit GESCHENKT von Herrn Mehdorn und seinen Servicekräften, welche für mich die letzten Helden des Arbeitslebens sind. Sie tragen unbequeme Kleidung, in der sie unfassbar viel Zeug unterbringen müssen, nämlichFahrpläne, Pfeife, Zange, kleines rotes Schild, Kasse, Computer mit Drucker und Kreditkartenschlitz. Alles baumelt und klappert an ihnen. Womöglich gibt es sie eines Tages nicht mehr, wenn die Zukunft bei der Bahn Gegenwart wird und die Zugbegleitung aus einem Flachbildschirm besteht, an welchen man seine Fragen richtet und durch Eingabe eines Codes seinen Fahrschein entwertet. Dann wird vielleicht auch Schluss sein mit den schönen Durchsagen. Ich liebe diese hier: "Wir erwarten Sie gerne in unserem Bordbistro." Gut, noch schöner wäre es, wenn man dort auch gerne bedient würde, aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Lyrisch ist auch: "An Gleis fünf erhält nun Einfahrt der ICE aus Köln nach München." Leute, der kommt nicht einfach an, der erhält Einfahrt. Und wenn er diese nicht erhält, dann deswegen, weil er irgendwo rumsteht. Ich wette immer mit mir selber, ob der Schaffner den großen Klassiker bringt, und meistens gewinne ich, denn fast immer stehen wir wegen der mythenumrankten "Signalstörung". Ich glaube, wenn etwas kaputtgeht, läuft der Zugchef zum Lokführer und fragt: "Was’n los?" Der antwortet: "Keine Ahnung." Und der Zugchef sagt: "Okay. Also Signalstörung."

"Thank you for rising with the Deutsche Bahn"

Einmal vor kurzem war es aber anders. Ich war auf dem Weg nach Göttingen. Kurz hinter Fulda hielt der Zug auf freier Strecke an. Nach gut zwanzig Minuten dann die Durchsage eines deprimierten jungen Mannes: "Meine sehr verehrten Damen und Herren. Wie Sie vermutlich bereits bemerkt haben, ist unser Zug zum Stillstand gekommen." Pause. Seufzen. "Der Triebkopf ist kaputt." Lange Pause, dann in aufgehellter Stimmung: "Aber wir haben jemanden dabei, der sich damit auskennt." Tatsächlich fuhr der Zug irgendwann weiter, und in Göttingen hatte er 58 Minuten Verspätung. Der junge Mann sagte sein Abschiedssätzlein, nämlich dass man in wenigen Minuten Göttingen erreiche, sich für die Fahrt mit der Deutschen Bahn bedanke und die Verspätung zu entschuldigen bitte. Und dann noch einmal auf Englisch. Zum Schluss sagte er: "Thank you for rising with the Deutsche Bahn." Das war wundervoll. Und ich möchte nicht, dass sich das in Zukunft ändert.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo