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Mein Leben als Mensch (Teil 60): Der "Dingsrat" regiert

Wir haben jetzt einen Betriebsrat. Zu Hause. Ich bin nicht drin, denn ich gelte in meiner Familie als Chef, auch wenn ich keine Chefrechte mehr genieße: Ich kann niemanden feuern, nicht einmal abmahnen darf ich, geschweige denn ermahnen. Eigentlich darf ich gar nichts mehr. Und daran bin ich selber schuld.

Von Jan Weiler

Das ganze Elend begann damit, dass ich mit unserer Tochter die Nachrichten ansah, was man nicht machen sollte. Neunjährige Mädchen sollen Hannah Montana gucken oder Spongebob und nicht den gut gekleideten Herrn Bator, der von Themen spricht, die zu verhängnisvollen Fragen animieren, wie zum Beispiel: "Papa, was ist denn diese Mitbestimmung?" Ich war richtig stolz darauf, dass Carla so etwas Wichtiges wissen wollte, es gefiel mir besser als die Fragen "Darf ich zu dem Death-Metal-Wochenende, wo Jungfrauen mit Bier getauft werden?" oder "Hast du was dagegen, wenn wir in meinem Zimmer Satan anbeten?"

Entsprechend engagiert erklärte ich ihr also, worum es bei der Mitbestimmung geht und dass es erste Ansätze dazu schon vor 150 Jahren gab und dass es heutzutage üblich sei, dass Firmen einen Betriebsrat wählen, damit die Mitarbeiter mitbestimmen und sich gegen gewisse Entscheidungen der Unternehmensleitung wehren können. Ich pries die Mitbestimmung als segensreich und als Beispiel für die Modernität unserer Gesellschaft. Dann referierte ich noch ein bisschen über August Bebel, die Arbeiterbewegung und die Geschichte der Sozialdemokratie, aber für die SPD interessierte sich Carla nicht. Sie unterscheidet sich in diesem Punkt nicht vom Rest der Deutschen.

Mitbestimmung im Familienkreis

Einen Tag später kam Sara auf mich zu und fragte, was ich dem Kind denn da erzählt habe. Carla sei dabei, einen Betriebsrat für die Familie zu gründen. Ich lachte und sagte: "Lass sie doch, das ist doch ganz gut, das ist angewandtes Wissen." Und Sara sagte: "Sie hat mich gefragt, ob ich kandidieren will."

"Und, willst du?", fragte ich, immer noch amüsiert. "Ich glaube schon." Da hätten bei mir die Alarmglocken schrillen müssen. Aber ich reagierte nicht. Am Nachmittag wurde gewählt. Als stimmberechtigt nahmen teil: meine Frau, Sohn Nick, Tochter Carla und unser Au-pair-Mädchen Natalya, die ganz aufgeregt war, weil sie so etwas in der Ukraine immer nur theoretisch erlebt habe. Als ich sagte, dass sie nicht zur Familie gehöre, wurde mir verboten, mich weiter einzumischen.

Bereits im ersten Wahlgang wurde Carla Betriebsratsvorsitzende und Mutter Sara ihre Stellvertreterin. Sie klatschten sich ab, und eine Viertelstunde später lernte ich unseren Betriebsrat kennen. Ich stand in der Küche und machte mir einen Kaffee. Nick kam vorbei, öffnete wortlos die Speisekammer, fuhr mit der rechten Hand in eine große Tüte und stopfte sich etwa 40 Gummibärchen in den Mund. Ich fragte ihn, ob er eventuell eine kleine Meise habe. Er sagte: "Das darfst du nicht sagen, sonst gehe ich zum Dingsrat." Ich sagte, dass es bei ihm piepe, und er ging zum Betriebsrat, um sich über mich zu beschweren.

Von Verboten und Missständen

Der Betriebsrat hat mir dann verboten, unseren Sohn auf diese Weise zu mobben. Erlaubt ist lediglich die Formulierung, "Du hast wohl einen Clown gefrühstückt", denn die fasst er nicht als Beleidigung auf. Außerdem verboten: Stimme erheben, mehrmaliges nervendes Auffordern zum Tischdecken, Aufräumen oder Zähneputzen. Ich darf alles nur noch einmal sagen, und zwar bitte freundlich. Wenn ich mich nicht daran halte, kommen Carla oder ihre Stellvertreterin zu mir und weisen mich auf meine Fehler hin. Die Stellvertreterin amüsiert sich köstlich dabei. Selbst Natalya hat sich schon über mich beklagt. Ihr Zimmer sei zu dunkel und das W-Lan-Signal zu schwach. Ich zeigte ihr einen Vogel, aber der Betriebsrat gab ihr recht, die Zustände seien dramatisch. Ich habe beide Missstände beseitigt.

Aber langsam reicht's mir. Ich stehe kurz vor der Selbstenteierung, vor der freiwilligen totalen Aufgabe meines verblühten Patriarchats. Ich finde, ich bin gar nicht mehr Haushaltsvorstand. Das ist nämlich Sara. Sie darf gar nicht im Betriebsrat sein. Sobald Carla das akzeptiert hat (ich werde sie mit ein, zwei Tüten Pom-Bär bestechen, und nein, ich schäme mich nicht), kandidiere ich. Und dann kann sich Madame Chef aber schön warm anziehen.

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