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Neues von George R.R. Martin: "Game of Thrones" zum Reinschnuppern

Die TV-Serie "Game of Thrones" sprengt alle Rekorde. Jetzt gibt es einen Roman für Einsteiger. Es ist der Schnupperkurs für die Welt von Westeros.

Von Gernot Kramper

Die TV-Serie "Game of Thrones" lässt sich nur mit Superlativen beschreiben. Hier gibt es die meisten Komparsen, die aufwändigsten Drehorte, die meisten illegalen Downloads und nicht zu vergessen: drei Drachen. Für alle Fantasy- und Mittelalterfans ist "Game of Thrones" das Zentrum der Fernsehwelt. Etwas Vergleichbares hat es nie gegeben. Selbst die dreiteilige Verfilmung von Tolkiens "Herren der Ringe" verblasst gegen diese TV-Saga.

Im englischsprachigen Raum kennt jeder den Roman-Zyklus von George R. R. Martin hinter der Serie und auch in Deutschland besitzt das "Lied von Feuer und Eis" eine treue Lesergemeinde. Die deutsche Ausgabe umfasst mittlerweile zehn Bände zu etwa 600 Seiten - ein Ende der Handlung ist nicht in Sicht. Für den Neueinsteiger ist das eine furchteinflößende Portion Buch.

Etwas simpler als das Epos

Wer nur einmal nach Westeros - so heißt der fantastische Kontinent der Romane - hineinschnuppern möchte, kann jetzt zu einem kleineren Band greifen: "Der Heckenritter von Westeros – Das Urteil der Sieben" ist ein Prequel und spielt etwa 100 Jahre von der 10-bändigen Saga "Das Lied von Eis und Feuer". Der Roman fasst drei Kurzgeschichten von Martin zusammen und erzählt die Geschichte des Knappen Dunk, der trotz seiner Herkunft aus der Gosse unbedingt ein Ritter werden will.

Die Handlung der TV-Serie spielt keine Rolle im Roman. Noch versucht die verführerische Kindkönigin Daenerys Targaryen nicht, mit ihren Drachen den Thron zurückzuerobern. Zum Zeitpunkt des Heckenritters ist sie noch nicht einmal geboren und auch ihre Eltern wurden noch nicht erschlagen. Und selbst die geheimnisvollen blauen Wanderer, die in dem Romanzyklus die Welt der zerstrittenen Menschen bedrohen, ruhen noch in ihren eisigen Gräbern. Dennoch bietet der "Heckenritter" eine Menge Zutaten aus dem Universum von Westeros auf: einen Underdog, Kämpfe, Intrigen und Aufstände. Dabei verliert sich der Leser nicht in dem unendlichen Paralleluniversum von "Das Lied von Eis und Feuer". Einem Labyrinth, das sich über Kontinente und Jahrtausende erstreckt, und in dem der Ungeübte schnell mal Übersicht und Geduld verliert. Ähnlich wie in der TV-Adaptation erzählt Martin in dem Heckenritter geradlinig und stimmt keine endlosen Ausschmückungen an. Es ist, als hätte man aus dem Erzählteppich der Saga nur einen einzigen Faden heraus gelöst - ideal also für einen Einstieg. Denn dieser Faden wird konsequent abgespult - in der Saga kann es nämlich passieren, dass eine Nebenhandlung auch mal 1000 Seiten pausiert, bevor sie wieder aufgenommen wird.

Ein großer Realist

Trotzdem zeigt der kleine Band die besondere Erzählkunst von Martin. Vor allem seinen ausgeprägten Realismus mitten im Fantastischen. Martin nimmt seine Fantasywelt ernst. Er behandelt Westeros, als wäre es eine echte Welt, alles ist in sich stimmig und irgendwie miteinander verwoben. Darum gibt es auch keine strahlenden Helden und Supermänner bei Martin.

Das Leben der Helden ist vor allem anstrengend. Die Hauptfigur Dunk ist ein feiner Kerl: groß, stark und ehrenhaft. Aber er ist nicht der Klügste und auch nicht der geschickteste Kämpfer, nur mühsam bahnt er sich seinen Weg durch eine unbarmherzige Welt. In Trab gehalten wird der Koloss von seinem vorlauten Begleiter Ei. Der "Heckenritter" erzählt von dieser Männerfreundschaft, denn eine Gefährtin hat der Realist Martin für seinen besitzlosen Kämpfer nicht vorgesehen. Für die von ihm bewunderte Puppenspielerin kann sich jemand wie Dunk nur die Zähne herausschlagen lassen. So erspart er rtiiterlich der Schönen die Verstümmelung, doch als er wieder zu sich kommt ist die Fremde bereits geflohen und begleitet ihn fortan nur als Erinnerung.

Westeros ist eine großartige - aber auch eine traurige Welt.