PORTRÄT Wenn der Moritz träumt


Tote Dichter lauern im Wald, Schweine platzen mit lautem Knall - in Moritz Rinkes Buch »Der Blauwal im Kirschgarten«.

Musenstille im vierten Stock. Moritz Rinke sitzt und schöpft. Er schöpft eine Szene zum Nibelungenlied. Vor seinem Fenster das Charlottenburger Schloss, auf seinem Schreibtisch die Burg von Worms. Draußen fällt der erste Schnee, und drinnen fallen die letzten Freier über Kriemhild her. Mutter, ruft das genervte Königskind, ich will keinen viereckigen Mann! Aber Kind, sagt Mutter Ute, viereckig ist Mode, das trägt man heut in Franken. Nein, weg! Der nächste Ritter bitte. Und der nächste.

Hagen sieht Argwohn in den Männern wachsen. Ja, der alte Hagen von Tronje, der berühmte. Flüstert mit seinem König. Da muss nur einer kommen und sagen: Leute, es wär» mal wieder Zeit für einen Krieg. Macht ihr mit?

Es klingelt. Die »Süddeutsche« ist am Apparat. Ob Rinke mehrwertsteuerpflichtig sei. Ja, bin ich, sagt er. Sieben Prozent bitte. Grüß Gott und Servus. Und schon kocht der verdrängte Ärger über die Bundesregierung wieder hoch. Für die hatte er einen Einakter geschrieben. Zum Tag der Deutschen Einheit. Das Honorar kam. Aber ohne die sieben Prozent.

Also hatte er die Buchführung der Bundesregierung angerufen. Er sei mehrwertsteuerpflichtig. Ist ja gut, sagt jemand. Schicken Sie uns eine Rechnungslegung. Macht er. Trotzdem kommt kein Geld. Er wieder am Rohr. Sagt jemand: Ihr Schreiben ist falsch. Wir faxen Ihnen mal was durch. Sie haben doch Fax? Und 33 klein gedruckte Absätze zur Rechnungslegung fallen aus Rinkes Fax.

Kafka. Das ist purer Kafka. Wie soll er da die Nibelungen für die Wormser Festspiele 2002 neu erdichten? Rinke denkt sehnsüchtig an Kleist. Sieht vor sich, wie der Dichter den Grafen Wetter vom Strahl schuf und das Käthchen von Heilbronn. Sieht Schiller mit Wilhelm Tell am Tisch sitzen. Und der Duft von faulen Äpfeln steigt ihm in die Nase. Schiller brauchte ja nicht mehr zum Dichten als Äpfel. Und Ruhe.

Und Rinke? Hat gerade seine Kartoffeln verkochen lassen. Und schon wieder klingelt das Telefon. Hier ist Ihr finnischer Übersetzer. Ach, ich habe einen finnischen Übersetzer? Hier ist Sigrid Löffler. Hier ist der Intendant von Oberhausen. Ob Rinke wohl ein Stück über Rex Gildo für sein Theater schreiben würde. Wie bitte? Hagen hat auf seinem Schreibtisch gerade Siegfried gemordet, und da soll er über Rex Gildo nachdenken?

Hier ist deine Mutter. Wie kommst du voran? Gar nicht kommt er voran. Und die Kartoffeln kann er auch wegschmeißen. Aber du musst was essen, Junge. Wie lange hast du sie denn gekocht?

Der Junge kann nicht mehr. Er muss raus. Rennt wie ein Irrer in den Wald hinein. Und hinter ihm Rex Gildo und Sigrid Löffler mit dem finnischen Übersetzer und der Faxfrau von der Bundesregierung und seiner Mutter mit den Kartoffeln.

Sein Leben ist in Gefahr. Er rennt und rennt und ist plötzlich allein. Ruhe im Wald. Da guckt Friedrich Hebbel hinter einem Baum hervor, der Dichter, der vor 140 Jahren die Nibelungen schon einmal neu geschrieben hat. Wie hat der das bloß geschafft? Hebbel hilf! Und da brüllt der alte Hebbel den jungen Moritz gewaltig an. Und was er ihm sagt, steht nun in einer von Rinkes Erinnerungen an die Gegenwart in seinem Buch »Der Blauwal im Kirschgarten« (Moritz Rinke: Der Blauwal im Kirschgarten, Rowohlt, 192 S., 29,90 Mark).

Was für ein Spaß. Wie Shakespeares Puck im »Sommernachtstraum«, so wirbelt Moritz Rinke mit selbst gebrautem Zaubertrunk die Wirklichkeit durchein-ander, springt mit lyrischen Hopsern und poetischen Hüpfern von der Expo Hannover zum Kult-Kaffee Burger in Berlin, kann nach der Erotikmesse nicht mehr wertfrei in eine Bockwurst beißen, macht sich Sorgen über Nietzsches Sex und die Ausgaben für Staatsgäste in Berlin. Sicherheitsstufe 2 für Jacques Chirac. Die gibt's für 400000 Mark mit 15 Motorrädern, Streckensperrung und spezieller Ampelschaltung inklusive Vollpension.

Er hört im Dienstzimmer von Birgit Breuel, dass beim Lkw mit dem Gletschereis für die Expo ein Kühlaggregat kaputt ist und der Schnee aus Zeiten Karls des Großen nun auf die A9 München-Nürnberg tropft.

Und er klingelt im ersten Stock einer alten Spandauer Fabrik und steht in Hollywood. Steht zwischen Kisten und Koffern von Marlene Dietrich. Mein Gott, denkt er, was die Frau für ein Gepäck hatte! 450 Paar Schuhe, Handschuhe, 15000 Fotos, tollste Kleider, Blumen, Schminke, Puder, kistenweise weltberühmte Briefe.

Und Herr Sudendorf, der oberste Nachlassverwalter, führt ihn zu Marlenes Bett. Jaja, sagt er, man vermutet, dass sie in diesem Bett Jean Gabin... Ist nicht wahr! Doch, doch. Auf jeden Fall aber soll Erich Maria Remarque, also der mit dem Bestseller »Im Westen nichts Neues«, hier mit der Diva... Vielleicht ja auch noch Ernest Hemingway?, denkt Rinke und setzt sich ergriffen auf die Bettkante, von der Marlene einst Josef von Sternberg, den Regisseur des »blauen Engels«, gestoßen hat.

Für die Marlene-Geschichte vom Januar 1995 bekam Rinke seinen ersten Journalistenpreis. Seither beglückt der heute 34-Jährige die Feuilletons von »Tagesspiegel«, »Zeit«, »FAZ«, »Theater heute« und »Literaturen«. Und jeder weiß, dass sein Autor für Recherchen rettunglos ungeeignet ist, aber doch immer exklusive Informationen anschleppt. Wer weiß schon, was wahr ist und was wirklich?

Als Rinke auf einer Berliner Tiermesse ist, beschreibt er, was da so passiert. Beschreibt, wie ein Schwein auf ein anderes Schwein fällt, das mit einem lauten Knall zerplatzt. Das Blut spritzt nur so. Nach der Veröffentlichung gibt es Proteste: Der Vorfall habe nie stattgefunden! Rinke ist da nicht so sicher.

So ist das, wenn man auf dem Luftkissen der Fantasie geboren ist, am Rande des Künstlerdorfs Worpswede, wo noch heute Rilke zwischen Himmel, Moor und Birken spukt. Wenn der kleine Moritz morgens das Fenster öffnet, stehen die Kühe schon da, und er plaudert eine Runde mit ihnen.

Vater ist Goldschmied und züchtet Pferde. Mutter, eine Nachfahrin des Malers Lovis Corinth, ist tags Dolmetscherin in Bremen und sitzt abends im Theater. Und Johann Kresnik, der damals dort mit seinem Tanztheater berühmt wird, ist Freund des Hauses. Wenn die Eltern keine Zeit haben, schiebt der Tänzer den Knaben im Kinderwagen zu irgendwelchen Proben. Auch zu Proben von Zadek. Da ist er drei und brüllt schon mit.

In der Waldorf-Schule atmet Rinke Harmonie und spielt den Snob von Carl Sternheim. Nach dem Abitur heuert er in Hamburg auf einem Containerschiff an. 13 Seemänner und ein Kapitän. Es ist dessen letzte Fahrt, und er heult bis zur Ostküste von Amerika. Er ist die Vorlage für den Kapitän in Rinkes Stück »Republik Vineta«. Bei Windstärke 9 wird Rinke in der Koje schlecht. Sonst malt er an Deck das Geländer an. Und die Seeleute erklären ihm das Leben.

Das Leben beginnt nach drei Monaten auf hoher See dann im Sauerland in einem Nest mit drei Häusern. Da macht er Zivildienst in einer Villa mit betagten Bildungsgästen. Putzt, scheuert, wäscht ab und schiebt verwirrte Anthroposophinnen durch den Wald. Im Wald deklamiert er auch, wenn er frei hat. Er will ja Schauspieler werden. Deklamiert Robespierres großen Monolog aus Büchners »Danton«. Aber erst redet er mal mit den Bäumen. Das sind die Deputierten. Dann steigt er auf den Hochsitz. Danton ist gerade gegangen, und Rinke brüllt ins Geäst hinein: Geh nur! Er will die Rosse der Revolution am Bordell halten machen, sie werden Kraft genug haben, ihn zum Revolutionsplatz zu schleifen! Da greift die örtliche Jägerschaft ein. Hier wird nicht rumgeschrien. Das schreckt die Tiere. Rinke bekommt Waldverbot.

Er wird kein Schauspieler. Und in der Regieklasse bei Jürgen Flimm fällt er durch, weil er in der Aufnahmeprüfung sagt, dass Tasso ein Kotzbrocken sei. Bei Robert Wilson wird er wenigstens Statist. Darf mitmachen im »König Lear«. Den spielt Marianne Hoppe. Und Moritz Rinke schiebt ihr den Thron auf die Bühne.

In Proben und Pausen erzählt die alte Dame dem jungen Thronträger aus ihrem Leben. Wird er alles einmal gebrauchen können für sein erstes Theaterstück. Fantastisch verfremdet und mächtig übertrieben wird da von ruhmreichen Eroberungen erzählt, von 2500 Liebhabern, geordnet nach Strumpfbändern, verstaut in Kisten und Koffern. Das Stück wird »Der graue Engel« heißen, und die Diva ist Marlene Dietrich.

Die Urgeschichte steht jetzt in Rinkes Buch, steht neben frechen, melancholischen, witzigen, träumerischen und boshaften Texten, die eigentlich alle kleine Einakter sind. Wie die Geschichte von Heiner Müllers Begräbnis, wo Frank Castorf schwindlig wird und Gregor Gysi aufs Grab von Hegel fällt, während Margarethe Schreinemakers Alexander Kluge zum Thema Trauer und Krebs in Deutschland befragt und Enzensberger über Müller zu Biermann sagt: Er war ein großer Dichter. Und Biermann antwortet: Ich auch.

Wo Ohrfeigen fliegen, Autoren ins Grab rutschen, wo Johann Kresnik erigiert und niemand protestiert, und wo am Ende eines hysterischen Kulturtanzes ein kleiner Mann mit Zigarre an der Friedhofspforte steht. Der Tote. Er winkt und lässt die Hose runter und zeigt der Welt in aller Bescheidenheit seinen Hintern.

So schwirrt Puck Rinke mit Fackeln der Fantasie durch die Kultur. Gelobt, geliebt, gefragt. Und ewig auf Achse und fröhlich am Handy. Hallo, hier Moritz Rinke. Was rauscht da so bei Ihnen?, frage ich. Das ist der Regen. Wo sind Sie denn? In München. Es gießt hier, sagt er mit seinem leichten Slick auf der Zunge und lässt die Sätze purzeln: Bin auf dem Weg nach Worms. Nibelungen-Besprechung. Und dann wird ein Stück von mir in Sofia aufgeführt. »Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte«. Waren Sie schon mal in Sofia? Wissen Sie, wo das liegt? Also ich musste erst mal im Atlas nachgucken.

Birgit Lahann


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