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Pulitzerpreis 2010: Online-Portal setzt sich gegen renommierte Zeitungen durch

Historischer Moment in der Mediengeschichte: Erstmals wurde der "Oscar" des Journalismus an ein Online-Portal vergeben - für eine Enthüllungsgeschichte über ein Krankenhaus in New Orleans. Auch weitere Preise gingen an publizistische Underdogs.

Das Internet-Zeitalter ist nun auch bei den Pulitzerpreisen angekommen. Mit dem gemeinnützigen Nachrichtenportal "ProPublica" wurde am Montag zum ersten Mal ein Online-Medium mit dem begehrten US-Journalistenpreis ausgezeichnet. Der Preis für den besten Enthüllungsjournalismus ging an die "ProPublica"-Autorin Shari Fink für die gemeinsame Reportage mit der "New York Times" über ein Krankenhaus in New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina". Die im Juni 2008 gegründete Online-Publikation "ProPublica" betreibt nach eigenen Angaben "investigativen Journalismus zu gesellschaftlich relevanten Themen". Zusätzlich zum Pulitzerpreis für Enthüllungsjournalismus erhielt die renommierte Zeitung "New York Times" noch Preise in der Kategorie Inlandberichterstattung über die Gefahr vom Handy am Steuer sowie in der Kategorie Hintergrundinformationen für eine Artikelserie über Nahrungsmittelsicherheit.

Die Überraschungsgewinner der diesjährigen Preisverleihung sind das Regionalblättchen "Bristol Herald Courier" mit nur sieben Journalisten und der kaum beachtete Debüt-Roman "Tinkers" von Paul Harding. Die Juroren würdigten den Roman als eine "kraftvolle Feier auf das Leben". In der Redaktion des "Bristol Herald Courier" feierte man den höchsten Preis für herausragenden "Dienst an der Öffentlichkeit" mit nur zwei Flaschen Sekt. Die Zeitung erscheint im Südwesten des US-Bundesstaates Virginia und hat rund 30.000 Leser. Die Reporter hatten aufgedeckt, dass Energieunternehmen in der Region Grundstückseigentümern das Geld für Bohrungen nach Gas auf ihrem Land vorenthielten.

Sieger ist die "Washington Post"

Die "Washington Post" wurde dieses Jahr mit vier Preisen ausgezeichnet. Eine Artikelserie über den Irak des "Post"-Auslandskorrespondenten Anthony Shadid und ein erschütternder Feuilleton-Bericht (Kategorie Magazin) über den Tod von Kindern, die von ihren Eltern im Auto vergessen wurde, überzeugten die Pulitzerjury. Gewürdigt wurden auch die Kommentare und Kulturkritiken der Zeitung. Die "Washington Post" erhielt mit vier Preisen einen mehr als ihre Rivalin "New York Times" und geht somit als Sieger der "Oscars" im Journalismus hervor.

Ein Literaturpreis geht an Liaquat Ahamed für sein Buch "Lords of Finance" ("Herren des Geldes"). Es verdeutlicht, wie vier Bankiers die Weltwirtschaftskrise von 1929 auslösen konnten. Als beste Biografie kam das Buch "Der erste Tycoon" zu Ehren. Darin beschreibt T.J. Stiles das monumentale Leben das amerikanischen Industriellen Cornelius Vanderbilt, der sich als "Eisenbahn-König" einen Namen schuf. "The Dead Hand" war nach Meinung der Jury das beste Sachbuch. Darin erklärt David E. Hoffman die Mechanismen des Kalten Krieges. Der Lyrikpreis ging an "Versed" von Rae Armantrout, "ein Buch, bestechend durch seinen Witz und seine sprachliche Innovation".

Das Rock-Musical "Next to Normal" vom Komponisten Tom Kitt und dem Texter Brian Yorkey gewann in der Drama-Sparte. Das Musical, "das mit dem Thema Geisteskrankheit in einer Vorstadtfamilie die Grenzen des Musicals neu definiert" begeisterte die Pulitzer-Entscheidungsträger. Der Country-Sänger und Songwriter Hank Williams wurde posthum mit einem Sonderpreis geehrt.

Das Boulevard-Blatt "National Enquirer" galt als einer der Favoriten für die diesjährige Preisvergabe, ging jedoch leer aus. Die Zeitung hatte die außereheliche Affäre des ehemaligen Präsidentschaftsbewerbers John Edwards aufgedeckt, und somit dessen politische Karriere praktisch beendet.

"Oscars" des Journalismus

Die Pulitzerpreise sind die höchsten Medienpreise der USA und zählen zu den wichtigsten Auszeichnungen für Journalisten, Schriftsteller, Dichter und Komponisten. Sie werden in 21 Kategorien vergeben und sind mit jeweils 10.000 Dollar (knapp 7400 Euro) dotiert. Die Preise werden seit 1917 vergeben.

DPA / AFP / DPA