HOME
stern-Gespräch

"Die Kunst des digitalen Lebens": "Ich vermisse nichts." Warum der Autor Rolf Dobelli uns rät, auf schnelle Info-Häppchen zu verzichten

Der Autor Rolf Dobelli liest keine Zeitung mehr, schaut keine "Tagesschau" und klickt nicht auf News-Seiten. Warum tut er das? Ein Streitgespräch.


Rolf Dobelli, Schriftsteller

Der Schweizer Rolf Dobelli, 53, ist Schriftsteller, Unternehmer und studierter Philosoph

Herr Dobelli, ich bin Journalist. Wollen Sie mich und meine Kolleginnen und Kollegen abschaffen?

Nein, das will ich nicht. Ich schätze intelligenten Journalismus, insbesondere lange, ausgeruhte Artikel. Die gibt es auch in Ihrem Magazin. Aber ich warne vor dem ausufernden News-Journalismus, besonders im Netz, im Fernsehen und in vielen Tageszeitungen. Der tut uns nicht gut, und den würde ich am liebsten abschaffen.

Warum?

Weil News süchtig machen, Zeit verschwenden und nichts bringen, außer uns abzulenken. Ich nenne sie Massenvernichtungswaffen gegen den gesunden Menschenverstand.

Das sind harte Geschütze, die Sie hier auffahren. Definieren Sie bitte den Begriff "News", wie Sie ihn verstehen.

Das sind all diese Kurzmeldungen aus aller Welt, die überall auf uns einstürmen. Diese schnellen Info-Häppchen: Zwei Präsidenten haben sich getroffen. Irgendwo startet eine Rakete. Ein Vulkan ist ausgebrochen. Ein Promi-Paar hat sich getrennt. Trump twittert was. Ich meine all diese Meldungen, die aufsehenerregend oder schockierend wirken, die aber eigentlich belanglos sind. Vor allem für das persön­liche Leben der meisten Menschen und ihr Weltverständnis.

Aber was ist denn nun so gefährlich an diesen News? Es wird niemand gezwungen, all das zu lesen oder anzuschauen.

Aber niemand kann dem entkommen, wenn man nicht aktiv verzichtet. News poppen im Handy auf, wir sehen sie zunehmend auf Bahnhöfen, Flugplätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie erzeugen die Illusion, wir würden die Welt besser verstehen und seien irgendwie mit ihr verbunden. Das Gegenteil ist der Fall. News sind reine Zeitverschwendung. Wir konsumieren sie im Schnitt 60 bis 90 Minuten pro Tag. Das summiert sich zu einem Arbeitstag pro Woche. Diese Zeit kann man sinnvoller nutzen.

Rolf Dobelli, Schriftsteller

Dobelli empfindet den Verzicht als Gewinn

Verzichten Sie selbst konsequent auf News?

Ja, seit 2010 habe ich keine Tageszeitung mehr abonniert, keine "Tagesschau" mehr gesehen, keine Nachrichten mehr im Radio gehört, mich von keinen Online-News mehr berieseln lassen.

Und geht es Ihnen seitdem besser?

Deutlich. Es gab eine kurze Entwöhnungsphase, aber ich vermisse nichts. Im Gegenteil, ich bin weniger nervös, ich denke klarer und habe jetzt mehr Zeit, mich mit wirklich interessanten Themen tiefer gehend zu beschäftigen.

Katastrophenberichte erzeugen falsches, weil wirkungsloses Mitleid, sagen Sie. Ich bin im Kuratorium der Stiftung stern und kann Ihnen versichern: Unsere ­Leserinnen und Leser spenden, wenn sie so etwas lesen.

Das ist in diesem Fall schön und freut mich. Dennoch glaube ich, dass die regelmäßige Unterstützung einer Hilfsorganisation grundsätzlich sinnvoller ist, als auf jede einzelne Katastrophe zu reagieren. Denn so ist Ihr Geld am effizientesten eingesetzt.

Aber dafür muss man wissen, was in der Welt passiert. Ich verstehe immer noch nicht, was Sie dagegen haben, jeden Tag eine Zeitung zu lesen oder die "Tagesschau" zu gucken.

Weil auch das in dieser Ritualisierung zu viel und meist zu wenig relevant ist. Ich bevorzuge dagegen die lange Form: ausgeruhte Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Essays, Reportagen, Dokumentarsendungen und natürlich Sachbücher. Ich will vor allem in die Tiefe gehen. Nur dann begreift man Zusammenhänge. Man versteht den Syrienkrieg nicht, wenn man über Jahre ­jeden Tag eine kurze Meldung dazu hört, wohl aber, wenn man Bücher oder Hintergrundberichte darüber liest. Wir vertauschen systematisch das Neue gegen das Relevante.

Können Sie akzeptieren, dass die Nachricht, dass es bald eine neue Staffel einer beliebten TV-Serie gibt, vielleicht nicht für Sie, aber für viele andere Menschen eine interessante Neuigkeit ist?

Das kann ich. Aber das erfahren Sie schon irgendwann. Dafür müssen Sie nicht ununterbrochen in News baden.

Es gibt die Eröffnungsfloskel "Sag mal, hast du schon gehört ...?" So beginnen ­Gespräche. Sind News nicht auch ein soziales Schmiermittel?

Das sind sie. Ebenso wie Sport und Unterhaltung oder das Wetter. Es gibt viele Schmiermittel. Aber man muss nicht unbedingt mit News schmieren.

Wollen Sie nicht mehr informiert sein?

Informiert ist wirklich ein blödes, sehr ­unscharfes Wort. Ich kann mich 24 Stunden am Tag über alle Aspekte des Uni­versums "informieren". Die Frage ist nur: Was bringt mir das?

Also wenn irgendwo an der belgischen Grenze eines von deren schrottigen Kernkraftwerken hochgeht, würde ich das als Einwohner von Aachen schon gern zeitnah erfahren.

Das werden Sie auch. Irgendjemand wird es Ihnen rechtzeitig sagen.

Weil er oder sie informiert ist.

Vor allem weil die Behörden entsprechende Maßnahmen ergreifen. Sie haben hier ein krasses Beispiel gewählt. Aber Ihre Angst, etwas zu verpassen, ist unbegründet. Ich habe in neun Jahren nichts wirklich Wichtiges verpasst.

Ich diskutiere gern mit Leuten, die gut informiert sind. Sie nicht?

Jetzt kommen Sie schon wieder mit diesem seltsamen Wort. Was heißt denn informiert? Ich diskutiere gern mit Menschen, die etwas wissen und verstehen, am besten mit Experten.

Aber so ist die Welt doch nicht. Wir haben nicht alle die Gelegenheit, ständig mit Experten zu reden, und wir können nicht dauernd Sachbücher durchackern, bevor wir uns äußern.

Das stimmt. Ich versuche auch nicht, 24 Stunden am Tag die Welt zu verstehen, und diskutiere auch nicht ständig mit Professoren. Ich habe auch überhaupt nichts gegen Zerstreuung und Unterhaltung. Ich schaue auch Filme und lese Romane.

Da bin ich erleichtert.

Mir geht es um etwas anderes: Ich will ­dieser Heiligsprechung der News etwas entgegenstellen. Ich verlange eigentlich nicht viel von den Menschen, sondern eher weniger. Es geht ums Weglassen.

Sie raten Ihren Lesern, stets in ihrem "Kompetenzkreis" zu bleiben. Also da, wo sie gut sind und sich auskennen. Sie schreiben: "Alle Informationen, die in Ihren Kompetenzkreis passen, sind wertvoll. Alle, die außerhalb Ihres Kompetenzkreises liegen, ignorieren Sie ­besser." Das klingt für mich nach Filterblase: Nimm nur wahr, was in dein Weltbild passt.

So meine ich das nicht. Es geht nicht um Weltanschauungen und Ideologien, sondern um die Bereiche des Lebens, die für einen relevant sind und in denen man eine gewisse Meisterschaft erlangen will. Und um dahin zu kommen, sind abweichende Meinungen wichtig. Sie zwingen mich, meine Positionen zu verteidigen und meine Kenntnisse zu erweitern. So funktioniert auch die Wissenschaft.

Ich sehe eine Welt voller Fachidioten.

Und ich eine von mündigen Bürgern, die ihre Fähigkeiten und Kenntnisse optimal einsetzen. Jeder Mensch hat einen Kompetenzkreis. Jeder sollte sich fragen: Was kann ich? Was will ich? Und welche Informationen brauche ich dazu?

Manchmal klingen Ihre Sätze fast wie die Beschwörung einer Biedermeier-Idylle: Zieht euch ins Private zurück. Bleibt zu Hause im Sessel und lest Sachbücher.

Gerade der, der in seinem Kompetenzkreis gut ist, kann draußen in der Welt viel ­erreichen, sich selbstbewusst in Gespräche einschalten, teilhaben. Der einsame News-Konsument am Handy in der S-Bahn oder zu Hause am PC ist für mich viel eher der zurückgezogene Biedermeier-Typ. Ich sage: Bauen Sie Ihren Kompetenzkreis aus. Gehen Sie raus in die Welt. Schaffen Sie ­etwas. Versuchen Sie, in irgendeinem Bereich überdurchschnittlich zu sein. News konsumieren – das kann jeder. Dafür muss man nicht mal denken können. Aber in seinem Kompetenzkreis etwas zu schaffen, das ist schwieriger. Und tausendmal wertvoller. Dann haben Sie der Welt schon viel geliefert.