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Roman "Wie der Soldat das Grammofon reparierte"


Der gebürtige Bosnier Sasa Stanisics erzählt in seinem Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" von einer Kindheit im Krieg. Das Thema ist ernst, der Roman steckt voll skurriler Einfälle.
Von Jörg Plath

Historische Ereignisse von einiger Tragweite wie die Kriege in Jugoslawien brauchen Jahre, um zu Literatur werden zu können. Zumal manchmal diejenigen, die vor ihnen das Weite suchten, erst heranwachsen müssen, um Bücher schreiben zu können. Sasa Stanisic floh 1992 als Vierzehnjähriger mit seinen Eltern aus dem bosnischen Visegrad nach Heidelberg. Nun legt der 26-jährige Student am Leipziger Literaturinstitut sein Debüt vor. "Wie der Soldat das Grammofon repariert" schaffte es aus dem Stand unter die sechs Bücher der Shortlist genannten Auswahl für den Deutschen Buchpreis, der Anfang Oktober auf der Frankfurter Buchmesse zum zweiten Mal verliehen wurde.

Der fulminante Start des Newcomers ist auf Anhieb nachvollziehbar: Sasa Stanisic erzählt vom Krieg aus der Perspektive eines Kindes in Visegrad und reizt die möglichen Kombinationen von Drama und Humor, Schicksal und Spiel, Realismus und Groteske voll aus. Sein Buch legt gleich zu Beginn ein furioses Tempo vor: Es beginnt mit dem Tod von Opa Slavko 1991 in jenen 9,86 Sekunden, in denen Carl Lewis im Fernsehen seinem Weltrekord über 100 Meter entgegensprintet. Sein Enkel Aleksandar Krsmanovic schaut nicht erfreut, aber auch nicht sonderlich beunruhigt zu - hat Opa Slavko ihm doch kurz vor seinem Hinscheiden Zauberhut und Zauberstab gebastelt und prophezeit, er werde als "Fähigkeitenzauberer" vieles revolutionieren, "solange es mit den Ideen von Tito konform geht und in Übereinstimmung mit den Statuten des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens steht".

Nach vier Tagen, so beschließt der Enkel, wird er Opa eben wieder herbeizaubern, den Segen Titos und des Bundes der jugoslawischen Kommunisten dürfte er ja wohl haben. Und da der Tod wie überhaupt jedes Ende unnötig und unglücklich seien, nimmt sich Aleksandar zugleich vor, "Chefgenosse des Unfertigen" zu werden: Fortan hält er unablässig erzählend und unfertige Bilder malend die Zukunft offen.

Wetterleuchten des Krieges

Aus unbegreiflichen Gründen wird aus der Wiederbelebung des Großvaters nichts. Stattdessen erweist sich der Tod des greisen Kommunisten als Auftakt zum Sterben des Staates, den er mit aufgebaut hat. Schon auf der Totenfeier fuchtelt ein Serbe mit der Pistole herum und verbittet sich die Zigeunerlieder. Mit mehreren, Aleksandar ablösenden Erzählern schildert Stanisić das Ende der Vorkriegszeit: Noch unbeschwert begehen die Urgroßeltern in der Provinz den Einbau eines bis dato unbekannten Wasserklosetts mit einem tagelangen Fest voller pittoresker Szenen. Dann wird Milenko Pavlović gehörnt und ärgert sich am meisten darüber, dass der Liebhaber seiner Frau an seinem C 64-Computer mit ihr Tetris gespielt hat.

Als Pavlović ein Jahr später mit einer neuen Geliebten nach Višegrad zurückkehrt, weiß er schon von brennenden Dörfern. Schließlich besetzen serbische Soldaten das Haus, in dem neben den Krsmanovićs noch eine zweite "Mischfamilie" mit serbischen und bosnisch-muslimischen Wurzeln wohnt. Aleksandar sieht, wie ein muslimischer Nachbar umgebracht wird, er beobachtet die Spuren einer Vergewaltigung im Gesicht einer Frau, und er beschützt eine junge Waise namens Asija.

Und dann ist auf einmal Schluss mit der überbordenden Erzählung. Nach 130 Seiten flieht Aleksandar mit seinen Eltern nach Deutschland, und das droht dem Roman den Todesstoß zu versetzen. Er tritt auf der Stelle. Es scheint, als sei Stanisić nichts mehr eingefallen, als taste er sich voran. Zunächst lässt er Aleksandar aus Deutschland Briefe an die zurückgebliebene Asija schreiben. Sie klingen recht bemüht, weil die bisherige kindliche Unmittelbarkeit des Erzählers es verbietet, die Waise zur sehnsüchtig vermissten Liebe zu überhöhen.

Es folgt eine eigenständige Sammlung von kurzen Erzählungen, in der der Flüchtling eine andere, glücklichere Kindheit imaginiert: Opa Slavko lebt, und mit der durch Visegrad fließenden Drina führt Aleksandar ein vertrautes Zwiegespräch. Plötzlich sind mit einem Mal zehn Jahre vergangen, und im Jahr 2002 bricht Aleksandar auf, um Asija in Sarajewo und Višegrad zu suchen. Der "Chefgenosse des Unfertigen" will das Unabgeschlossene nicht länger ertragen.

Lust an der Groteske

Die Vielzahl der Erzähler, Gattungen und Geschichten bleibt erhalten, dient aber nun dem Vollenden. Aleksandar hat in Deutschland Listen mit Namen, Straßen, Kinderspielen, Gegenständen, Hotels, Restaurants angefertigt und arbeitet sie getreulich ab. Oft, allzuoft geschah in Sarajewo und in Višegrad das Bekannte: Flucht und Mord, Überleben und Misstrauen. Glücklicherweise gibt sich Stanisic inmitten der gründlich aufgenommenen Fäden aus der ersten Hälfte des Buches immer wieder der Lust an der Groteske hin: Unvergesslich ist die Geschichte eines Fußballspiels während eines Waffenstillstands zwischen Verteidigern und Belagerern Sarajewos.

"Wie der Soldat das Grammofon repariert" enthält viele solcher wunderbaren Geschichten. Das Erzähltalent des jungen Autors ist unbestreitbar. Aber die große Form überfordert ihn. Oder ist es der Stoff, der Krieg und seine Folgen? Am Ende klagt Aleksandar dem toten Opa, ihm fehlten die "Wahrheiten, in denen wir nicht mehr Zuhörer oder Erzähler sind, sondern Zugeber und Vergeber." Es sind also Schuld und Leid des Krieges, die dem "Chefgenossen des Unfertigen" den kindlichen Allmachtsglauben nehmen, durchs Erzählen ließen sich das Ende und der Tod hinausschieben. Leider musste der Leser das bereits nach der Hälfte des Buches erkennen.

Jeden Abend um 20.00 Uhr: Mit ARTE Kultur zur Buchmesse und nach Indien


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