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Preis der Leipziger Buchmesse Der beste Roman des Frühjahrs gesucht

In der kommenden Woche wird der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Kerstin Herrnkind stellt die nominierten Bücher vor.

Das Beste kommt zum Schluss: Putzfrau Ivana sitzt einsam in der Küche und telefoniert mit ihrer Familie in Bosnien. Draußen schlürft die Frankfurter Schickeria, für die Ivana arbeitet, im Schatten der Blutbuche Champagner. "Ihr müsst weg", beschwört Ivana ihren Vater. Der Krieg steht kurz bevor. "Niemals", entgegnet der alte Mann. Auf dem Blutbuchenfest "jaulen Zigeunergeigen", am Buffet gibt es Roastbeef. In Ivanas Heimat schlägt eine Granate ins Kaffeehaus ein.

"Das Blutbuchenfest" von Martin Mosebach

ist eine böse Milieustudie über Ivanas Welt, die ihr das Gefühl gibt, sich entschuldigen zu müssen, weil sie es, hochschwanger, kurz vor der Niederkunft nicht mehr geschafft hat, eine Wohnung zu putzen. Sprachlich gelungen, wenn auch manchmal ein bisschen ausufernd. Außerdem wird, obwohl der Roman im Jahr 1991 spielt, mit dem Handy telefoniert. Abschiedsbriefe kommen per Email. Dabei gehörten Handys und Laptops damals noch nicht zum Alltag, weder in Deutschland noch in Bosnien.

Nun streitet das Feuilleton über die Frage, ob ein Autor das darf. Klar, darf er das. Ein Autor ist doch kein Buchhalter, der zur ordnungsgemäßen Führung seiner Journale verpflichtet ist. Er kann, wenn er will, grüne Männchen aus dem Weltall auf dem Frankfurter Hauptbahnhof landen und in einen ICE steigen lassen. Wenn er allerdings keine Science-Fiction- oder Fantasyliteratur schreibt, sondern Gesellschaftsromane, die den Anspruch haben, Spiegel der Wirklichkeit zu sein, läuft er Gefahr, dass sich die Leser verschaukelt fühlen. Und er schmälert das Vergnügen seiner Leser, die bei offensichtlichen Fehlern zusammenzucken. Ob das preiswürdig ist oder nicht, ist allerding eine ganz andere Frage.

"Vielleicht Esther" von Katja Petrowskaja

Über diesen Zweifel erhaben ist "Vielleicht Esther" von Katja Petrowskaja, die mit einem Auszug aus diesem Roman schon im vergangenen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat. Die Autorin macht sich auf die Suche nach ihrer Urgroßmutter, die 1941 allein in Kiew zurückblieb, während ihre Familie vor der Wehrmacht floh. Vielleicht hieß diese Frau Esther. Es gibt nur noch ein altes, knittriges Foto von ihr.

Die Spurensuche führt die Urenkelin von Kiew in den Ural, nach Warschau, Wien, Ausschwitz und nach Babij Jar, wo im September 1941 innerhalb von zwei Tagen 33.771 Juden von Wehrmacht und SS ermordet wurden. Schwerer Stoff, den die Autorin mitunter in wunderbar leisen Ton, fast zärtlich erzählt: "Am Anfang dachte ich, ein Stammbaum sei so etwas wie ein Tannenbaum." Oder: "Anna wurde in Babij Jar umgebracht, obwohl meine Eltern nie umgebracht sagten. Sie sagten Anna liegt in Babij Jar, als ob durch dieses Liegen die Seelen von Anna und meinen Eltern ihre Rufe finden könnten und auch die Frage nach den Urhebern aufgehoben wäre." Ach, eigentlich reicht ein Wort, um diesen Roman, dem man liest wie im Rausch, zu beschreiben: großartig.

"Vor dem Fest" von Saša Stanišić

Das gilt auch für "Vor dem Fest" von Saša Stanišić , dessen Debütroman "Wie der Soldat das Grammophon repariert" es 2006 auf die Shortlist des deutschen Buchpreises schaffte und in 30 Sprachen übersetzt wurde. Sein neuer Roman spielt in dem fiktiven Ort Fürstenfelde. Er liegt eingebettet zwischen zwei Seen in der Uckermark. Es ist die Nacht vor dem "Annenfest", dem Gedenktag der Heiligen Anna, Beschützerin der Armen. Der Roman folgt keinem Plot, erzählt aus der Nacht, aus der magischen Nacht vor dem großen Fest. Da ist Schramm, ehemaliger Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee, der sich umbringen will, aber erst mal den Zigarettenautomaten erschießt. Die Malerin Frau Kranz, die "vier politische Systeme und deren Versprechen mitbekommen hat" und nur noch malt, was sie "weiß".

Es gibt ein Dorfarchiv, das mit einem elektrischen Schloss versperrt ist, um die dunklen Geschichten aus der Vergangenheit zu bannen. Zwischen den Kapiteln raunt ein allwissender Erzähler dem Leser diese düsteren Geschichten zu. "Im Jar 1589, hat die Magd von unserem getreuen Schultzen, ein Töchterchen geboren, welche die Schulzin ihr weggenommen, es genottauffet, hernach erwürget und über den Zaun geworfen in den Graben, wo wir es nach etlichen Wochen gefunden." Jemand bricht ins Archiv ein. Beschwört die Geister der Vergangenheit. Scham und Schuld sind allgegenwärtig. Dieser Roman ist ein Meisterwerk subtiler Spannung. Ohne dass der Autor es schreibt, sieht man Nebelschwaden über den Seen aufsteigen. Den Titel eines großen Erzählers hat Saša Stanišić schon jetzt verdient - mit oder ohne diesen Preis.

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Kerstin Herrnkind

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