Rowling-Lesung in London Eine magische Nacht


Für 500 Harry-Potter-Fans ging in der Nacht ein Traum in Erfüllung: Sie durften dabei sein, als Autorin Joanne Rowling im Natural History Museums aus "Harry Potter and the Deathly Hallows" las. Die anderen durften zumindest auf Autogramme hoffen. Das Protokoll einer magischen Nacht.
Von Shila Behjat, London

Es ist Geisterstunde in London, gerade ist aus Freitag, dem 20. Juli, der Samstag, 21. Juli, geworden. Jetzt sollte der Potterwahnsinn beginnen. Es ist ganz still. Rund 80 Menschen stehen im Scheinwerferlicht vor den Toren des Natural History Museums in South Kensington. Sie blicken durch die Gitterstäbe hindurch, andächtig. Wie ein verwunschenes Geisterschloss sieht es heute Nacht aus. Nicht dass irgendetwas daran geändert wurde. Aber im Zeichen der Potter-Mania erscheint die milchige Beleuchtung der Fassade märchenhaft, verträumt. Eine leichte Brise lässt die Haarsträhnen der Mädchen leicht wehen. Irgendwo spielt entfernt ein Saxofon. Es ist die Nacht der Nächte.

Der Trubel tobt am Picadilly Circus, dort, wo gerade die Niederländerin Saskia Haitjema (19) als erste unter Gekreische den siebten und letzten Harry-Potter Band gekauft hat. Sie hatte in den vergangenen Tagen schon Kultstatus erreicht: Schon am Mittwoch war sie angereist, hatte als erste in der Schlange vor der Buchhandlung Waterstone’s ein Lager aufgeschlagen, zwei Tage und Nächte Wind und Regen getrotzt.

"Ich habe die ganzen Ferien gejobbt, um mir diese Reise zu leisten", hatte sie den Journalisten erzählt. Jetzt ist sie am Ende ihres hart erkämpften Traums angelangt, und bei Waterstones steigt eine Party, als sei es nicht der 21.Juli, sondern das Millennium.

Lesung vor 500 Auserwählten

Dabei kommt doch die Hauptperson der Nacht hierher. Es ist nicht Daniel Radcliffe, nicht Emma Watson - heute ist die Harry-Potter-Königin Joanne K. Rowling. Warum alle Wartenden so ruhig sind? Ihr Exemplar ist ihnen sicher. Sie haben bei Rowlings Verlag Bloomsbury eine Karte für die Lesung in einem Gewinnspiel gewonnen, inklusive Buch und, wie sie später entdecken werden, einem-Harry Potter-Puzzle, sowie einem personalisierten Poster, signiert von Rowling.

Es ist fünf nach zwölf. Es ist soweit: Nur 500 dürfen miterleben, wie Rowling zum letzten ersten Mal einen neuen Harry Potter präsentiert. Sie liest aus dem ersten Kapitel, "The Dark Lord ascending": "The two men appeared out of nowhere, a few yards apart in the narrow moonlit lane", beginnt sie zu lesen. "Ihre Stimme hatte ein tolles Echo in dem großen Saal, erzählt die 32-Jährige Lehrerin Joanne Muldwin später. Eine halbe Stunde geht die Lesung nur.

Tickts für die Signierstunde

Draußen vor der Tür stellen sich die Sicherheitsleute auf, der bulligste von ihnen ruft: "Alle mit 1-Uhr-Tickets, bitte nach vorne treten." Die 23-Jährige Martina Neuhaus aus Halle wirbelt herum. Gerade hatte sie sich von ihrer Schwester Nadine fotografieren lassen, mit dem Rücken zum Eingang. Jetzt schwingt sie die lilafarbene Karte in der Hand, ganz rot werden ihre Wangen. "Endlich, endlich, endlich." Ob sie alle Bücher gelesen habe? "Was? Sorry, ich kann jetzt nicht, ich muss..." Sie hatten zwar keine Tickets für die Lesung, dafür aber für die Signierstunde. Die ersten Glücklichen schreiten durch einen der seitlichen Toreingänge, unter strengen Kontrollen.

Um viertel nach zwölf, nur zehn Minuten später werden die 2-Uhr-Karten aufgerufen. Die haben Darlene Mand und Erica Rakush aus Glasgow. Erica hatte gerade noch die letzten Seiten des sechsten Bandes gelesen, verschlungen, nur um damit fertig zu sein, bevor sie "Harry Potter and the Deathly Hallows" in Händen hält.

Nur Augen für die erste Seite

Es ist 1 Uhr. Martinas Wangen glühen jetzt, als habe sie Fieber. Und Sprechen geht nicht mehr, ihr Kopf ist gesenkt, die Augen sind auf die erste Seite des Langersehnten geheftet. Gerade haben sie ihr "goodie bag" bekommen, das Puzzle interessiert erst einmal überhaupt nicht. Und jetzt heißt es Schlange stehen, wieder einmal. Jetzt sind sie IHR endlich so nah. Doch bevor die Mädchen endlich vor Rowling stehen werden, müssen sie noch einmal durch die Sicherheitskontrolle.

20 Minuten später sind auch die beiden Mädchen aus Glasgow stolze Besitzer ihres neuen Harry Potters. Auch ihnen bleibt nun keine Zeit mehr für Plauderei - das Wichtigste: Stirbt er nun, oder stirbt er nicht?

Eine lange Nacht für Rowling

Jetzt ist es zwei Uhr - Rowling! "Sie ist wunderschön!", kann Nadine nur noch sagen. Ein grauer Cardigan, dazu eine weiße Bluse und eine schwarze Hose. Ihr Gesicht ist ruhig, sanft. Im Vorfeld der Veröffentlichung hatte ein eifriger Journalist ausgerechnet, das sie mit ihren Büchern ein Sechstel der Weltbevölkerung erreicht hat - mit dem neuen Buch, das schon im Vorverkauf alle Rekorde gebrochen hat, wird sie ihren Wirkungskreis noch erhöhen. Eine lange Nacht steht ihr noch bevor, alle Anwesenden bekommen eine Buchsignatur.

Für Martina und Nadine endet das Harry-Potter-Abenteuer am Samstag, um 9 Uhr: Ihr Flieger landet in Berlin, sie machen sich im Zug auf den Weg nach Hause. "Wenn ich nicht so müde wäre, dann wäre ich schon viel weiter. So habe ich bisher nur bis Seite 31 geschafft", sagt Martina. Damit bleiben ihr noch 576 Seiten Potter-Fieber - und das zum letzten Mal.


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