HOME

Sachbuch "Ganz oben": Wie Deutschlands Millionäre leben

"Ganz unten" hieß Günter Wallraffs Erfahrungsbericht als türkischer Leiharbeiter Ali aus dem Jahr 1985. Mehr als 25 Jahre später hat der Wirtschaftsjournalist Christian Rickens in seinem Buch "Ganz oben" den Spieß umgedreht - und sich bei Deutschlands Millionären umgeschaut.

Reich ist nicht gleich reich. Ein Ferrari-Fahrer mag zwar ähnlich vermögend sein wie der Besitzer einer Segeljacht, aber der zieht vielleicht nicht unbedingt mit Rolex am Arm durch das Sylter Nachtleben. Ein Millionär vom Typ "statusorientierter Neureicher" macht das durchaus und denkt sich: Wer hat, der zeigt, dass er hat - und was er hat. Die feinen Unterschiede zwischen Deutschlands Reichen hat Christian Rickens in seinem Buch "Ganz oben - Wie Deutschlands Millionäre wirklich leben" herausgearbeitet. Der Wirtschaftsjournalist hat darin einige der rund 800.000 Millionäre hierzulande getroffen und für uns alle mal gefragt: Wie lebt sich's denn so mit einem Millionenvermögen?

Gut natürlich! Reiche, die ihren Besitz als Last empfinden und sich nach einem Leben als Normalverdiener sehnen, hat Rickens bei seiner Recherche jedenfalls nicht getroffen. Dafür aber peinliche Selbstdarsteller genauso wie sozial engagierte Idealisten. Und so einige reiche Unternehmer, Erben und Selbstständige mit Spleens.

Nur Neureiche protzen

Da sind etwa Götz Werner und seine Stimmgabel. Die hält sich der Gründer der Drogeriekette "dm" immer dann ans Ohr, wenn der Stress zuschlägt. Sobald der Unternehmer den wohlklingenden Kammerton vernimmt, beruhigt er sich - und kommt wieder klar im Haifischbecken Wirtschaft. Sonst so? Werner ist Goethe-Fan, die Familie hat weder Computer noch Fernsehen, und in seiner Freizeit diskutiert er mit Schriftsteller Wladimir Kaminer ("Russendisko") über den Sinn eines Grundeinkommens. Statussymbole interessieren den Drogerieboss nicht. Rickens Diagnose: "liberal-intellektueller Vermögender".

Zur Schau gestellter Luxus ist auch dem "etablierten Vermögenden" zuwider. Der setzt lieber auf subtile Statussymbole (Oldtimer-Jacht oder 185-teiliges-Silberbesteck für 27 000 Euro). Und der "konservative Vermögende" (Motto: Bewahren!) steckt sein Geld lieber gleich in Stiftungen. Die sind schließlich steuerbefreit. Außerdem kann der Stifter bestimmen, für welchen guten Zweck sein Geld eingesetzt wird - und nicht der Staat.

Was tut die Oberschicht für unsere Gesellschaft?

In sechs Kategorien vom prolligen Neureichen ("Vier Polopferde sind Minimum!") bis zum öffentlichkeitsscheuen Normalo-Millionär ("Bloß kein Schickimicki!") teilt Rickens die Vermögenden ein. Dabei geht es aber um mehr als nur Luxusartikel oder Inneneinrichtung. Was den Redakteur des Manager-Magazins wirklich interessiert - und sein Buch lesenswert macht - sind Selbstverständnis, Weltsicht und Lebensziele der Reichen. Und dabei die Frage: Was tut die Oberschicht für unsere Gesellschaft? Und natürlich auch: Zahlt sie genug Steuern?

Bevor Rickens Antworten gibt, richtet er den Blick ins Ausland - der wohl interessanteste Teil des Buches. Dass US-Millionäre Weltmeister im Spenden sind, ist zwar klar, doch wer weiß schon, wie andere Kulturkreise den ganzen Schotter beurteilen? Etwa Muslime (Reichtum ist okay, aber gehört sowieso Gott) oder Hinduisten (Wieso neidisch sein, wenn im nächsten Leben du der Reiche bist?). Geprotzt wird zudem nicht überall: In Skandinavien gibt es laut Rickens keine einzige Rolls-Royce Filiale.

Alexandra Stahl/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel