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Sakrileg-Prozess: Verschwörungstheorien ohne Ende

Hat er abgeschrieben oder nicht? Wenn ja, könnte das für Bestseller-Autor und Multimillionär Dan Brown teuer werden. Auch die Aufführung der Filmversion des "Da Vinci Codes" wäre gefährdet. Im Londoner Plagiats-Prozess gibt es aber eine neue Wendung.

Die Fälle, mit denen sich der Ehrenwerte Richter Peter Smith vom High Court in London seit zwei Wochen beschäftigen muss, liegen lange zurück. Beispielsweise die Frage, ob der Merowingerkönig Dagobert II. im Jahr 679 tatsächlich von Pippin dem Mittleren ermordet wurde. Oder, ob Jesus Christus vor zwei Jahrtausenden möglicherweise ein Kind mit Maria Magdalena hatte. Im Kern geht es vor dem obersten britischen Zivilgericht aber nur um eine Frage - ob der amerikanische Bestsellerautor Dan Brown für seinen Welterfolg "Sakrileg" abgeschrieben hat.

Das behaupten die beiden Verschwörungs-Theoretiker Richard Leigh und Michael Baigent, deren Sachbuch "The Holy Blood And The Holy Grail" ("Der Heilige Gral und seine Erben") bereits 1982 erschien. Der Brite und der Neuseeländer werfen Brown vor, zwanzig Jahre später für seinen Mysterien-Thriller mindestens 15 Grundgedanken abgekupfert zu haben -so auch die Idee, dass Jesus Vater wurde, seine Nachfahren heute noch auf der Welt sind und von der Kirche bekämpft werden.

Start der Hollywood-Verfilmung wäre gefährdet

Falls die beiden Recht bekommen, kann dies für den Multimillionär Brown teuer werden - auch wenn sich die Klage eigentlich nicht gegen ihn richtet, sondern gegen seinen Verlag Random House, eine Tochter des deutschen Bertelsmann-Konzerns. Im schlimmsten Fall müsste - abgesehen von Imageverlust - das "Sakrileg" (Originaltitel: "The Da Vinci Code") aus den britischen Buchhandlungen entfernt werden, und auch der Start der Hollywood-Verfilmung Mitte Mai wäre gefährdet.

Theorie um Jesus' Vaterschaft älter als Buch

Allerdings sieht es danach im Moment überhaupt nicht aus. Baigent und Leigh sind in die Defensive geraten. Nicht nur, weil Richter Smith ihnen die Aussage entlockte, dass sie mit ihren Anschuldigungen möglicherweise übertrieben haben. Nach und nach kam heraus, dass die Theorie von Jesus' Vaterschaft um einiges älter ist als ihr Buch: Der britische Theologe Charles Davis etwa stellte schon 1971 die Frage, ob Jesus mit Maria Magdalena verheiratet war und Nachwuchs hatte.

Brown wehrt sich heftig gegen Anklage

Brown selbst, der sonst die Öffentlichkeit scheut, setzte sich im Zeugenstand heftig zur Wehr. Zwar gab der 41-Jährige zu, bei der Recherche für das "Sakrileg" auch den "Heiligen Gral" gelesen zu haben. Allerdings sei das nur ein Buch unter vielen gewesen. "Baigent und Leigh sind nur zwei einer großen Anzahl Autoren, die über die Blutlinien-Theorie geschrieben haben", sagte Brown, dessen neues Buch "The Solomon Key" fast fertig ist. Trotzdem habe er sie erwähnt.

Heiliger Gral und Geheimbund-Geschichten

In der Tat ist im "Sakrileg" von einem Buch wie der "Heilige Gral" die Rede. Allerdings werden weder Titel noch Namen genannt. Dafür heißt eine der Figuren so, dass sich die jetzigen Widersacher wieder erkennen können: mit Vorname Leigh, mit Nachname Teabing - ein Anagramm von Beating, wie es Brown so gern verwendet. Ob das reicht, wird erst das Urteil zeigen.

Nach zwei Wochen mit Bibelkunde, Hintergründen zum Heiligen Gral und Geheimbund-Geschichten um den Opus Dei kursiert am Gericht allerdings noch eine andere Verschwörungstheorie - dass der Prozess nur stattfindet, damit beide Seiten neue Aufmerksamkeit bekommen. Als Indizien werden angeführt, dass sowohl das "Sakrileg" als auch der "Heilige Gral" auf Englisch im selben Verlag erscheinen und die Auflagen seit Prozessbeginn tatsächlich kräftig gestiegen sind.

48 Millionen verkaufte Exemplare des "Sakrilegs"

Vom "Sakrileg" wurden weltweit inzwischen mehr als 48 Millionen Exemplare verkauft. Für den "Heiligen Gral" gibt es einstweilen nur Zahlen aus Großbritannien. Die allerdings sind eindeutig: Vor dem Prozess gingen davon pro Woche noch etwa 350 Exemplare über den Ladentisch. Jetzt sind es mehr als 3000. Der Verlag jedoch weist jeden Verdacht zurück.

Christoph Sator, DPA / DPA