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Salman Rushdie: Keine Jungfrauen im Himmel

Mit der von Ayatollah Khomeini gegen ihn verhängten "Fatwa" erlangte Salman Rushdie 1988 weltweite Berühmtheit. Doch auch seine Romane konnten Fachwelt und das lesende Publikum immer wieder begeistern. Jetzt wird der Schriftsteller 60.

So viel er auch geschrieben hat, Salman Rushdie wird wohl immer mit seinem vor fast 20 Jahren erschienenen Werk "Die Satanischen Verse" identifiziert werden. Auch heute noch wird der Schriftsteller wegen dieses vielfach ausgezeichneten Buches verfolgt. Der Ritterschlag von Queen Elizabeth II. brachte dem britisch-indischen Autor kurz vor seinem 60. Geburtstag am 19. Juni die Vergangenheit wieder in bittere Erinnerung. "Eine der meistgehassten Personen der islamischen Welt auszuzeichnen, zeigt Großbritanniens Feindschaft gegenüber dem Islam", sagte Mohammad-Ali Hosseini, Sprecher des iranischen Außenministeriums, am Sonntag. Auch das pakistanische Parlament verurteilte am Montag die Ehrung.

Fünf Monate nach der Veröffentlichung 1988 hatte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini ein "Todesurteil" gegen Rushdie verhängt, weil das Buch Muslime beleidige. Der Autor lebte darauf jahrelang unter extremem Polizeischutz im Londoner und New Yorker Untergrund.

Die Wunden sind noch nicht verheilt

Heute möchte "Sir Salman" diese Zeit am liebsten abschütteln und wehrt sich gegen Fragen nach der so genannten Fatwa: "Es ist, als wäre etwas weltberühmt, das ich nicht bin", sagte Rushdie einmal. "Ich habe keine Lust mehr, über den Iran und die Fatwa zu reden. Das ist ein alter Hut." Doch die Äußerungen aus Iran am Wochenende zeigen, dass die Wunden längst nicht verheilt sind.

Der Protest in weiten Teilen der islamischen Welt gegen die "Satanischen Verse" entzündete sich kurz nach deren Publikation. Die Hauptepisoden des Buches spiegeln das Leben der indo-muslimischen Einwanderer in England wider. Das Werk enthält aber auch lose mit der Handlung verwobene Fantasien, darunter die Darstellung der frühen Lebensjahre des Propheten Mohammed. Mit satirischem Unterton beschreibt Rushdie, wie dieser bestimmte Abschnitte aus dem Koran wieder entfernt habe, da sie ihm angeblich vom Teufel eingegeben worden seien.

Millionenschweres Kopfgeld

Im Februar 1989, genau am Valentinstag, verhängte Khomeini die Todesdrohung gegen Rushdie und setzte ein millionenschweres Kopfgeld aus. Der Nachfrage nach dem Buch nützten die Schlagzeilen, auch wenn manche Verleger mit der Veröffentlichung zögerten. Weltweit schlossen sich Autoren und Prominente zusammen und setzten sich für eine Rücknahme der Fatwa ein.

Heute kann sich Rushdie wieder frei bewegen, obwohl die Extremisten ihre Drohung immer noch nicht aufgehoben haben. Das, was die Zeit der Isolation regelmäßig zurückbringe, sei der Valentinstag - was aber auch Gutes für sich habe: "So vergesse ich wenigstens die Blumen für meine Frau nicht", sagte er dem "Spiegel".

Überzeugter Atheist

Rushdie, Sohn eines wohlhabenden muslimischen Geschäftsmanns, ist überzeugter Atheist. Er verbrachte seine Kindheit in Indien bis er in den 60er Jahren nach England ging. Zwar bedauere er es ein wenig, die im islamischen Paradies versprochenen Freuden nicht zu erlangen, aber: "Heute erwarte ich keine Jungfrauen mehr im Himmel", sagte er der "Weltwoche". "Ich brauche, um ein moralisches Wesen zu sein, keinen obersten Schiedsrichter." Religion sei für ihn "Gift für das Herz".

Immer wieder wurde der Intellektuelle - der seinen literarischen Durchbruch 1981 mit dem Buch "Mitternachtskinder" schaffte, für das er einen Booker-Preis bekam - zu den Gründen des Terrorismus befragt. Dabei nannte er auch die Angst der Männer vor den Frauen als Ursache. Für "sexuelle Deformationen" in der islamischen Kultur müsse ein Ausgleich geschaffen werden, der auch zum Terrorismus führe.

Er selbst sei dagegen ein "großer Anhänger" der weiblichen Sexualität. Und das, obwohl die ihm auch Widrigkeiten bescherte: Rushdie ist bereits zum vierten Mal verheiratet und hat zwei Söhne von zwei verschiedenen Frauen. Mit seiner jetzigen Frau, dem indischen Fotomodel Padma Lakshmi, ist er seit drei Jahren verheiratet. Wenn man Klatschblättern Glauben schenken darf, dann steckt aber auch diese Ehe in der Krise.

Annette Reuther/DPA