Schriftsteller T.C. Boyle Ein Schreibtisch in der Wildnis


Jedes Jahr zieht sich der Bestsellerautor T.C. Boyle in eine einsame Hütte in den kalifornischen Bergen zurück. Niemand darf ihn dort oben beim Schreiben stören. Für den stern hat er eine Ausnahme gemacht.
Von Hannes Ross

Auf diesem Berg irgendwo muss es sein, da oben auf dem Gipfel, versteckt im Dickicht der Zedern, Kiefern und gigantischen Redwood-Bäume, deren Spitzen im hellblauen Himmel verschwinden. Vor meinen Augen verschwimmt die Serpentinenstraße. Die Sonne hängt direkt über dem Kopf wie eine Verhörlampe, verbrennt den Blick, und nur wenn ich meine Augen zusammenkneife, wirken die fußballgroßen Tannenzapfen auf dem Weg nicht wie Geröllbrocken, die man besser umfahren sollte. Jetzt bloß nicht einschlafen.

Die Reise ans Ende der Welt, sie dauert zwölf Flugstunden und dann noch einmal sechs Autofahrtstunden von Los Angeles. So hatte er die Lage seiner Berghütte in der kalifornischen Wildnis beschrieben. "Wenn du kommst, heulen wir mit den Kojoten", hatte er gesagt, und ich hatte darüber gelacht, weil es seine Art ist, die Welt mit schwarzem Humor zu erhellen. Plötzlich endet die asphaltierte Straße. Ein staubiger Sandweg mit Schlaglöchern führt ins urwaldhafte Unterholz. Da heult etwas in der Ferne. Ein abgesoffener Automotor? Oder war das jetzt doch ein Kojote? Vielleicht hatte ich wieder einmal an der falschen Stelle gelacht.

Seit gut 25 Jahren flieht T. C. Boyle, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Amerikas, in die Einsamkeit der Sierra Nevada, einem Hochgebirge in Kalifornien. Zum Schreiben. Der 60-Jährige hat zwölf Romane und unzählige Kurzgeschichten in seiner Berghütte verfasst. Bestseller mit einer Gesamtauflage von über vier Millionen. Über Afrika-Entdecker ("Wassermusik"), das Leben illegaler mexikanischer Einwanderer ("América") und über egomanische Genies wie den Architekten Frank Lloyd Wright ("Die Frauen"). Boyle ist ein böser Gott mit gutem Witz, wenn es um sein Universum geht. Er schickt seine Figuren zuverlässig in die Katastrophe, bis sie alles verloren haben, nur nicht ihren Humor. "Nur eine Sache bringt mir Seelenfrieden", sagt T. C. Boyle, "wenn ich auf meinem Berg sitze und schreibe."

Kurzer Ausriss aus der Waldesruh

Doch nach naturgetränktem Seelenfrieden sieht der Mann nicht aus, der sich jetzt die steilen Holzstufen seiner Berghütte runterschleppt. Boyle geht gebeugt wie jemand, dem seine Größe von 1,91 Meter selbst unheimlich ist. Seine langen, dürren Beine stecken in schweren Wanderstiefeln, er trägt Jeans und auf seinem Kopf eine umgedrehte Schirmmütze. Dazu klemmt eine schwarze Sonnenbrille, Typ Stubenfliege, am Kragen seines ausgewaschenen T-Shirts. Boyle sieht aus wie ein 60-jähriger Mann in der Kleidung eines 16-jährigen Teenagers. Abwesend reicht er mir die Hand. Sie fühlt sich an wie eine tote Hasenpfote.

"Ich stecke gerade in den Endzügen meines neuen Romans. Ein Ökodrama um ein Naturschutzgebiet. Es sind noch etwa 20 Seiten. Jetzt hänge ich fest. Gestern war ein guter Tag. Heute ist ein schlechter", grummelt Boyle. Ich sollte etwas Aufmunterndes sagen, aber mir fällt nichts ein, das nicht so blöd klingen würde wie: "Kopf hoch, morgen ist ein neuer Tag!" Ich bücke mich, mehr aus Verlegenheit als aus Interesse, nach dem schwarzen kläffenden Rastazopf-Bündel. Doch Dardar, Boyles ungarischer Hirtenhund, hat schon Kontakt aufgenommen. Ich spüre ein paar nadelspitze Reißzähne in meinem linken Knöchel. Boyle zerrt an der Hundeleine und bittet verlegen um Verzeihung. Dann huscht ein schiefes Lächeln über sein Gesicht. "Sie mag dich, sonst würde sie dich einfach ignorieren."

Boyle ist jetzt nicht nach Waldesruh. Er will unter Menschen. Er will etwas trinken, etwas Starkes, in der Berg-Lodge, einer Blockhüttenbar, auf deren Dach Bikinimädchen auf Plastikflaggen für Budweiser-Bier lächeln. Die Lodge, sagt er, sei der einzige Treffpunkt weit und breit. Drinnen wartet nur ein Junge mit ausgeschlagenen Vorderzähnen und schwarzen Schlangentattoos auf den Oberarmen hinter der Bar. Boyle bestellt für uns Brandy mit Soda und Eis, die Drinks werden in zwei großen Marmeladengläsern serviert. "Daran merkst du, dass du in der Wildnis bist."

Was suchen Sie hier, Herr Boyle?

Die Einfachheit, die Abwesenheit von Menschen. Ich kann aus der Haustür gehen und bin mitten in einer ursprünglichen, ja fast urzeitlichen Natur. Das ist mein Refugium, wo ich mich wie ein Kind fühlen kann. Ich arbeite auch zu Hause viel, aber hier eben noch mehr. Warum? Weil es so verdammt langweilig ist.

Wie verbringen Sie hier die Tage?

Ich stehe um sechs Uhr auf und setze mich an den Schreibtisch. Das geht bis zum Nachmittag so. Dann gehe ich mit meinem Hund wandern. Meine schönsten Tage hier hatte ich vor drei Jahren. Es war über Neujahr, als ein Schneesturm mich überraschte. Meine Haustür war zugeschneit, und das Dach begann von der Last der wachsenden Schneedecke zu knarren. Dann fiel auch noch der Strom aus, ich konnte nur noch bei Tageslicht schreiben. Als meine Essensvorräte knapp wurden, kämpfte ich mich durch den Schneesturm in die Lodge.

Sie leben eigentlich in Santa Barbara, einem kalifornischen Strandparadies. Dort wohnen Sie in einer Villa, die der amerikanische Star-Architekt Frank Lloyd Wright baute. Ihre Nachbarn sind Hollywoodstars wie Michael Douglas.

Sagen Sie es doch, wie Sie es meinen: T. C. Boyle ist ein wohlhabender Hollywood-Bastard! Nein, aber im Ernst: Ich bin nun mal ein Produkt meiner Gesellschaft. Als Kind habe ich alle TV-Shows mit diesen perfekten Familien gesehen. Nachdem meine Eltern am Alkohol zugrunde gegangen waren, fragte ich mich, was denn bei mir und meiner Familie falsch gelaufen war. Ich bin mir der Schwächen des amerikanischen Traums bewusst. Ich kann ihn kritisieren und bin dennoch ein Teil dieser Kultur. Sicher, ich hätte all das Geld, was ich mir erschrieben habe, an die Obdachlosen geben können. So weit möchte ich dann aber doch nicht gehen. Da bin ich lieber ein komfortabler Kritiker dieser Gesellschaft.

Wie sehr litten Sie unter dem Alkoholismus Ihrer Eltern?

Es gibt ja immer verschiedene Seiten der Wahrheit. Ja, meine Eltern waren Säufer, sie tranken drei Liter Whiskey am Tag und saßen den ganzen Tag teilnahmslos vor dem Fernseher. Das bedeutet aber nicht, dass sie schlechte Eltern waren, die mich schlugen. Sie sorgten sich sehr um mich und meine Schwester. Sie wollten das Beste für uns.

Wenn Sie jetzt Alkohol trinken, sorgen Sie sich nicht, dass die familienbedingte Sucht in Ihnen erwachen könnte?

Ich bewege mich auf einem schmalen Grat, das ist mir bewusst. Ich fing mit 16 an zu trinken. Mit 20 spritzte ich Heroin und schluckte jede Pille, die ich bekommen konnte. Ich war jung, ein Opfer von jugendlicher Arroganz und Unwissenheit, ich fühlte mich unverwundbar. Als meine Eltern beide kurz hintereinander starben, wurde mir klar, dass ich in einem großen Irrtum lebte. Das Wichtigste für mich war allerdings, dass ich etwas entdeckte, in dem ich das erste Mal im Leben gut war. Das Schreiben. Seitdem bin ich davon besessen.

Was empfinden Sie beim Beenden eines Buches?

Ein uferloses Glücksgefühl. Vergleichbar vielleicht mit einem Schuss Heroin, und ich weiß, wovon ich spreche. Wenn in einer Geschichte am Ende alle Fäden zusammenlaufen, ist das ein Gefühl der Vollkommenheit. Und deshalb will ich dieses Gefühl immer und immer wieder haben.

Sie haben eine Sucht gegen eine andere ausgetauscht.

Ich bin schreibsüchtig. Wenn ich das nicht könnte, wäre ich innerhalb eines Jahres eine Alkoholleiche.

Am nächsten Tag dröhnt mein Schädel, als hätte ich einen Eimer Batteriesäure getrunken. Und dann war da diese fette, graue Ratte. Nachts kroch sie unter meinem Bett herum. Raschelnd, rastlos und rabiat. Ich bekam kein Auge zu und wollte ein Fenster zum Lüften öffnen, aber das Schlafzimmer meiner Berghütte, die nur wenige Hundert Meter von Boyles Haus entfernt ist, hat leider keine Fenster.

Boyle dagegen ist in gelöster, fast schon unverschämt guter Verfassung. Er tänzelt auf mich zu, eine neue Spannkraft hat seinen Körper erfasst. Die Arbeit am Buch ist gut vorangegangen, das Ende ist in Sicht. Boyle ist berauscht, erfüllt von der Schönheit der Schreibsucht. "Ich arbeite immer doppelt so hart, wenn ich am Abend zuvor versackt bin."

Wir sind jetzt unterwegs auf dem "Trial of 100 Trees", einem Wanderweg, der uns vorbei an 100 Meter hohen Redwoods auf eine steinige Anhöhe führt. Von dort oben hat man einen überwältigenden Blick auf den nahtlosen grünen Baumteppich im Tal. Manchmal bleibt Boyle mitten im Gehen plötzlich stehen und schaut andächtig an den Redwoods hinauf, als wären sie Leitern in den Himmel. Auf der Autofahrt hierher redete er die ganze Zeit davon, dass uns heute vielleicht ein Kojote, ein Puma oder gar ein Schwarzbär über den Weg laufen würde. Doch alles, was wir finden, ist ein kalter weißer Haufen, von dem Boyle sagt, dass es Puma-Scheiße sei. Die Wildnis ist in seinem Kopf, sie will aber einfach nicht zu uns kommen.

Gestörte Einsamkeit

Die einzigen anderen Wesen sind vier bullige Teenager mit Bierdosen, die ihr kanarienvogelgelbes Campingzelt mitten auf der Anhöhe aufgebaut haben. Boyle hebt den Arm zum Gruß. Ein paar Meter weiter sagt er: "Weißt du, so etwas hasse ich, ich komme hierher, weil ich keine Menschen sehen will, und dann campen diese Redneck-Idioten hier! Grillen, saufen und setzen womöglich mit ihrem Scheißfeuer den Wald in Brand."

Boyle selbst ist dem Feuer im vergangenen Jahr nur knapp entkommen. Bei den kalifornischen Waldbränden fraß sich die Feuerwalze bis auf eine halbe Meile an seine Villa in Santa Barbara heran. "Ich hatte mein Haus schon fast aufgegeben." Boyle sagt so etwas ohne einen Anflug von Sentimentalität.

Wenig später sitze ich an seinem Küchentisch in der Berghütte. Überall sind Enten. Entenbilder, Entenfiguren, und auf dem Tisch stehen Ententeller. Die Hütte hat Boyle von einem Freund gemietet. Außer einem Laptop und Klamotten bringt er nie etwas mit. Er braucht die Anonymität eines Hotelzimmers zum Schreiben. Boyle steht in Jeansjacke und Wanderstiefeln am Herd in der Küche. Er kocht. Das sieht aus, als würde er die Garage ausräumen. Mit groben Handgriffen wirft er Spaghetti in den Topf und drückt aus einer Plastiktube Senf über den Brokkoli.

Boyle schaltet das Licht in der Küche aus. Wir sitzen jetzt im Dunkeln. Ich sehe nur einen großen, schwarzen Schatten mit umgedrehter Schirmmütze, der beim Sprechen dozierend mit den Armen in der Luft herumwirbelt.

Herr Boyle, in vielen Ihrer Bücher ist die Welt dem Untergang geweiht. So wie etwa in Ihrer Ökoapokalyse "Ein Freund der Erde", wo im Jahre 2025 die globale Erderwärmung die Natur in den USA zerstört hat. Sie haben also noch 15 Jahre.

Ich weiß nicht, ob es so schnell passiert, aber der Kollaps wird kommen. Überbevölkerung, Ressourcenmangel und Seuchen, die niemand mehr in den Griff bekommt. Der Mensch wird aussterben. Vorher werden wir uns aber noch die Köpfe einschlagen.

Was sagen Ihre Kinder, wenn Sie so düster vor sich hin reden?

Meine Kinder haben Hoffnung, weil sie jung sind und das Leben vor ihnen liegt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe das Leben und möchte es bis zum Ende auskosten, und solange ich schreiben kann, wird es mir gut gehen. Aber ich bin froh, dass ich nicht mehr so viel Zukunft vor mir habe.

Probieren Sie irgendetwas, um die Welt zu verbessern?

Ich habe einen Komposthaufen im Garten und recycle meinen Müll ...

... und in Ihrer Garage in Santa Barbara haben Sie fünf Autos stehen.

Wir sind fünf Leute, das bedeutet fünf Autos, so ist das leider in Amerika. Ich lebe in Kalifornien und bin ein Sklave des Autos. Ich bin kein schreibender Öko-Jesus, der übers Wasser geht.

Boyle schleppt einen Plastiksack mit Körnern auf den Balkon. "Für meine Freunde, die Waschbären. Sie kommen abends immer auf einen Snack vorbei." Er schüttet Körner aufs Geländer. Wir warten bis spät in die Nacht auf die Waschbären. Lauschen dem Rauschen der Nadelbäume und dem Klagegesang von Amy Winehouse. Die Waschbären aber, sie gehen woanders essen.

Und dann passiert es doch noch. "Da, schau!", ruft Boyle. Ich starre angestrengt ins Dämmerlicht des Waldes. Erwarte irgendetwas Großes, Böses, Wildes, aber da ist nur ein alter, grauer Kojote, der müde durchs Dickicht schleicht, so furchteinflößend wie Lassie. Er schaut gelangweilt zu uns herüber, dann humpelt er ins Unterholz und ist verschwunden. Boyle dagegen ist jetzt hellwach, er strahlt wie ein Kind. Kein Puma, kein Schwarzbär, aber ein Kojote. Er ist so erleichtert wie ein Gastgeber, der für seinen weitgereisten Besucher doch noch etwas zum Trinken im Keller gefunden hat.

Jetzt kann er sich sogar über einen Notruf aus der Zivilisation freuen. Es ist seine Frau Karen. In der Villa läuft das Klo über, und im ganzen Haus ist das Wasser ausgefallen. Boyle muss zurück, halb so wild, länger als zwei Wochen am Stück hat er es hier oben in der Einsamkeit sowieso nie ausgehalten. Dann vermisst er seine Frau und seine drei Kinder.

Nettes Angebot

Ein letztes Mal Wildnis. Wir besteigen Dome Rock, ein mächtiges Felsplateau, 2100 Meter hoch. Ein scharfer Ostwind putzt die letzten Tannennadeln vom Fels, als wir die Spitze erreichen. Eben schien noch die Sonne, doch jetzt türmen sich am Himmel betongraue Gewitterwolken auf. Am Horizont zuckt ein Blitz, Donner knallt, Wasser fällt vom Himmel. Boyle steht an der Felskante. Wir gucken den steilen Hang hinab.

"Hannes, wenn du jetzt springst, schreibe ich deinen Nachruf."

Ich schaue in den Abgrund. Dann spüre ich Boyles Hand auf meiner Schulter.

"Lass uns lieber noch ein letztes Bier zusammen trinken."

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