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Stockholm: Literaturnobelpreis für Doris Lessing

Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die britische Autorin Doris Lessing. Die Schwedische Akademie erkannte der 87 Jahre alten Engländerin am Donnerstag in Stockholm den begehrtesten Literaturpreis der Welt zu. Lessing sei, so die Akademie wörtlich, "die Epikerin weiblicher Erfahrung".

Die britische Autorin Doris Lessing erhält den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. Die 87-jährige Autorin wurde für ihren weiblichen und sozialkritischen Blick auf das 20. Jahrhundert ausgezeichnet, wie die Schwedische Akademie in Stockholm bekanntgab. Sie wurde gewürdigt als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat".

Lessing konnte kurz nach der Verleihung nicht verständigt werden. "Ich habe sie angerufen, niemand hebt ab." Offensichtlich habe sie nicht auf den Anruf gewartet, erklärte der Sekretär der Akademie, Horace Engdahl. Lessings Agent Jonathan Clowes erklärte, sie sei derzeit beim Einkaufen. "Wir sind hoch erfreut, und das ist sehr verdient", sagte Clowes zu der Ehrung. Der Durchbruch gelang ihr 1962 mit dem Werk "Das goldene Notizbuch", wie die Nobelpreis-Akademie erklärte. Lessings Werk sei von der Frauenbewegung als Pionierleistung angesehen worden. "Es gehört zu der Handvoll Bücher, die über die Sicht der Mann-Frau-Beziehung des 20. Jahrhunderts informieren."

Rückkehr zur primitiven Lebensform

Weiter stellte die Akademie die Verdienste ihres frühen Werks "Afrikanische Tragödie" von 1950 heraus. "Das Buch ist beides, eine Tragödie, die auf Liebe und Hass basiert, sowie eine Studie der unüberbrückbaren Rassenkonflikte." Lessing beschrieb in über 50 Jahren schriftstellerischer Tätigkeit ihren Lesern das koloniale Afrika ebenso wie soziale und mentale Krisen oder auch eine atomare Katastrophe." Die Vision einer globalen Katastrophe, die die Menschheit zwingt, zu einer primitiveren Lebensform zurückzugehen, sprach Doris Lessing besonders an", hieß es in der Begründung der Akademie. "Aus Zusammenbruch und Chaos entstehen die elementaren Qualitäten, die es Lessing erlauben, Hoffnung in der Menschheit zu sehen."

Dieses Motiv komme auch in ihren neueren Büchern wieder vor - etwa in "Mara and Dann" (1999) und in der 2005 veröffentlichten Folge "Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund". Lessings deutscher Verlag Hoffmann und Campe zeigte sich auf der Frankfurter Buchmesse sehr erfreut. "Es ist ein großes Glück für den Verlag. Natürlich haben wir immer gehofft, dass Doris Lessing den Literaturnobelpreis erhält", erklärte Geschäftsführer Günter Berg. Er erinnerte daran, dass die Autorin zu einer Lesung in Hamburg gewesen sei. Berg beschrieb sie als hochsympathische Frau, die sich nie habe vereinnahmen lassen.

Autobiografische Werke sind "Höhepunkt ihres Schaffens

Die Schriftstellerin lebte in vielen Ländern und bereiste Dutzende. Sie wurde 1919 in Kermanschah im heutigen Iran als Kind britischer Eltern geboren. Ihre Familie zog 1925 auf eine Farm ins damalige Süd-Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Diese Erfahrung beschrieb Lessing 1994 in einem autobiografischen Werk, "Unter meiner Haut". Zusammen mit dem zweiten Teil, "Schritte im Schatten" (1997) stelle dies "einen neuen Höhepunkt ihres Schaffens dar", erklärte die Akademie.

Lessing ist die bislang älteste aller Empfänger des Literaturnobelpreises. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk. Bereits vergeben wurden die diesjährigen Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie. Die Auszeichnung für Chemie ging an den deutschen Wissenschaftler Gerhard Ertl. Den Preis für Physik teilen sich der Deutsche Peter Grünberg und der Franzose Albert Fert. Die Bekanntgabe des Friedensnobelpreisträgers steht noch aus. Die Preise sind mit jeweils zehn Millionen Kronen (rund 1,1 Millionen Euro) dotiert und werden am 10. Dezember verliehen, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

AP / AP