HOME

Ungewöhnliche Todesanzeigen: Ein letzter Lacher

Wie wir uns aus dem Leben verabschieden, liegt gewöhnlich nicht in unserer Hand. Wie die Nachricht von unserem Tod publik gemacht wird, leider auch nicht. Christian Sprang und Matthias Nöllke präsentieren in ihrem Buch "Aus die Maus" irrsinnige Todesanzeigen.

"Was ich sagen wollte: Mir ist aufgefallen, dass ich jetzt näher dran bin. Am Himmel. So hoch bin ich noch nie hinausgekommen." Was klingt wie eine beiläufige Gesprächsnotiz in einem Flugzeug, ist tatsächlich die Einleitung einer Todesanzeige. Nicht immer ist das Öffentlichmachen vom Ableben eines Menschen nur von diskreter Trauer und stillem Gedenken durchdrungen. In mancher Todesanzeige verbinden sich stattdessen - meist unbeabsichtigt, überraschend oft aber auch gewollt - "tiefste menschliche Tragik und höchste Komik in wenigen Zeilen zu einer untrennbaren Einheit". So heißt es im Vorwort des Buchs "Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen".

Darin hat Christian Sprang, im Hauptberuf Justiziar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, im Nebenberuf Sammler auffälliger Todesanzeigen, die schönsten Stücke seiner Sammlung vereint, die seit 2003 bereits auf der Internetseite todesanzeigensammlung.de zu bestaunen sind. Sein Freund Matthias Nöllke, als Autor und Journalist erfahren im Umgang mit den Untiefen der deutschen Sprache, hat die Anzeigen mit verbindenden Texten versehen, so dass daraus ein höchst amüsantes Buch entstanden ist, das einen bisweilen staunend zurücklässt.

So werfen Zeilen wie "Beherzt wie eine Briefmarke ging er seines Wegs", "Der Schreier ist tot. Gefasst und still ist Gerhard K. seinen letzten Weg gegangen" oder "Unserem lieben Boss, Erwin S., einen letzten elefantösen Gruß von seinen Damen" mehr Fragen als abschließende Antworten auf und geben Anlass zu Rätselraten über die Eigenschaften des Verstorbenen. Ins Grübeln gerät man auch bei Anzeigen wie dieser: "An TT 1903. Nun bist du tot - - sodoch, Dein Kristallkörbchen zu meiner Kommunion lebt immernoch. In treuem Gedenken an Dich, Deine Nichte 1913." Der Verfasserin war die Gedenk-Anzeige offenbar ein dringendes Bedürfnis - doch was wollte sie damit nur sagen? Auch den Sinn von Zeilen wie "Das Wichtigste im Leben: einatmen - ausatmen" oder "Ein Gänseblümchen macht nun für immer bubu ..." nehmen die Verstorbenen, denen sie gewidmet sind, wohl für immer mit ins Grab.

"Wie im Leben: Oma rief - Opa kam"

Dagegen verschaffen andere Anzeigen kurz und knapp Klarheit über Vorlieben und Hobbys der Verstorbenen oder die Herrschaftsverhältnisse innerhalb der Familie: "Wie im Leben: Oma rief - Opa kam", "Er starb wie gewünscht im Neckarstadion" oder "Seine Pferde haben die erste Totenwache gehalten" lassen in ihrer Aussagekraft nichts zu wünschen übrig. Ein klares Bild hinterlässt auch die Anzeige, die mit dem Satz eingeleitet wurde: "Ein Genie hat die Welt verlassen". Irgendwie rechthaberisch wirkt die Annonce zum "nicht verschuldeten Unfalltod unseres lieben Wolfgang W.", über der ein eindringliches "Er hatte Vorfahrt!" vermerkt ist. Mit diskreter Zurückhaltung machen dagegen die Hinterbliebenen in folgender Anzeige auf einen Missstand aufmerksam: "Allen, die zum 1. Todestag am 15. November 1977 unserer lieben Mutter und Oma gedachten, sagen wir hiermit unseren Dank; insbesondere den zuständigen Dienststellen des Landes Berlin, die den Antrag unserer lieben Mutter auf Ausstellung eines Schwerbeschädigtenausweises vom 26. März 1974 entgegennahmen, am 12. Februar 1975 positiven Bescheid erließen und am 2. November 1977 zustellten."

Sehr deutlich sind auch Hassanzeigen. So wird ein verstorbener Professor der klassischen Philologie als "Personifizierung geistigen Hochmutes und menschlichen Versagens" bezeichnet. An eine Rita entbietet ein gewisser Heini als letzten Gruß "Der Tod ist barmherziger als Deine Unbarmherzigkeit". Besonders hintersinnig sind zwei hintereinander geschaltete Anzeigen folgenden Inhalts. Nummer eins: "Karl G. ist tot. Inka-Maren G. Es wird eine anonyme Beisetzung ohne Trauerfeier stattfinden." Nummer zwei: "Jetzt wird gefeiert! I.-M. G."

"Ich bin tot. Klaus A."

Von geradezu tragischer Komik sind dagegen Annoncen, die die Erschütterung der Hinterbliebenen ausdrücken sollen, dabei in der Formulierung aber knapp daneben liegen: So hinterbleiben Angehörige "voll Trauer, dass ihr weiteres Leid erspart bleibt". Andere Tote sind "unerwartet still und leise" davongegangen oder "unverhofft" gestorben. Und der Satz "Meine liebe Frau hat Gott zu sich genommen" vertauscht unwissend die tatsächlichen Gegebenheiten. Vorsicht ist auch bei Namen angebracht: So birgt die Formulierung "Gott, dem Herrn, hat es gefallen, unsere Mutter Ilse von Hinten zu sich zu nehmen" unfreiwillige Komik. Nicht vermeiden ließ sich dagegen bei der Todesanzeige für den Alt-Tapeziermeister Eduard Kotz-Werz, die bei den Hinterblieben ein gefälliges Arrangement der Namens-Kombinationen offeriert - Unterzeichnet haben unter anderem die Verwandten Güntert-Kotz, Schilling-Kotz und Kotz-Schön -, was bei manchem Leser wohl nicht die nötige Pietät aufkommen ließ. Am besten ist es noch, man lässt den Toten selbst sprechen: Dann heißt es entweder kurz und bündig "Ich bin tot. Klaus A." oder mehr serviceorientiert: "Ich bin umgezogen. Roland J. Meine neue Adresse ist: Friedhof Rehalp. Über Besuche freue ich mich."

Mirjam Mohr/AP / AP
Themen in diesem Artikel