HOME

Ute Scheub: Die Blausäure des Tyrannen

Als sie 13 war, nahm sich ihr Vater öffentlich das Leben, nicht ohne zuvor seine "Kameraden von der SS" gegrüßt zu haben. Die Journalistin Ute Scheub hat das Leben ihres Vaters aufgearbeitet - schonungslos auch gegen sich selbst.

Von Kuno Kruse

"Das war Zyankali, mein Fräulein", sagte der reifere Herr am Saalmikrophon zu einer jungen Frau, die neben ihm stand. Er hatte wirr geredet, stammelnd, in Satzfetzen, von Zetteln gelesen, vor 2000 meist jungen Christen, viele liefen barfuß. Denn es war sehr heiß auf dem Kirchentag im Juni 1969 in Stuttgart. Dann hatte er aus dem kleinen Glasfläschchen getrunken. Und er hatte gesagt: "Ich provoziere jetzt und grüße meine Kameraden von der SS."

Auf dem Podium saß der Dichter Günter Grass. Er gab dem Mann, der sich vor seinen Augen mit Blausäure vergiftet hatte, in seinem "Tagebuch einer Schnecke" den Namen Manfred Augst. Dieser Augst stiehlt sich immer wieder in Momente des Tagebuch-Romans, stört, irritiert.

"Es war ein Traum"

"Augst wie Angst", schreibt 35 Jahre später die Autorin Ute Scheub: "Er war mein Vater." Sie war damals 13. Auch in ihr Leben stiehlt sich immer wieder dieser Manfred Augst, ist in der Erinnerung dieser schwüle Julitag wieder da, an dem ihre Mutter sagt: "Ich weiß, es ist furchtbar für Dich." Aber es war nicht furchtbar für das Mädchen, kurz vor der Konfirmation. Ute Scheub schreibt: "Es war ein Traum... Solange ich denken konnte, hatte ich mir das gewünscht." Und sie schämte sich für diesen Gedanken.

Eine Träne, aus Pflichtgefühl herausgequetscht, mit großer Geste weggewischt. Ihr Bruder sagte: "Hör doch auf damit." Auch ihre Brüder erlebten den Tod des Vaters als Befreiung. Auf der Beerdigung will ein teuflisches Lachen von ihr Besitz ergreifen. "Hurra der Vater ist tot." Nun, als Erwachsene schreibt sie ein aufgewühltes Buch von enttäuschter Liebe, von Hass, Ekel und Schuldgefühlen, von Scham und Überdruss zugleich, von Rebellion.

Aufdeckung statt Schönfärberei

Ein Buch als Abrechnung mit dem Vater? Ein Verstehenwollen, ohne Verständnis zu zeigen. Aufdeckung, nicht Schönfärberei. Eine Spurensuche. Auch nach den Spuren, die er in ihr hinterließ. Dass sie den Namen, den Grass ihrem Vater gab, in ihrem Buch beibehält, verwandelt den Apotheker aus Tübingen auch für sie von einem bösartigen Haustyrannen zu einer tragischen Figur. Und bleibt ihm doch so verbunden, dass sie fast dankbar ist, dass der ungelenke Student der Rassenlehre für seine Examensarbeit nur ein "brauchbar" und "nicht überragend" attestiert bekam, nicht so weit in der NS-Hierarchie aufstieg, dass er für Kriegsverbrechen größeren Ausmaßes verantwortlich gewesen wäre. Ein Widerspruchsgeflecht in dem sich so viele Täterkinder verheddern. Die Tochter schreibt: "Die Leichen in Keller meines Vaters sind auch meine Leichen."

Ute Scheub demonstrierte gegen Krieg und Unterdrückung, für die sandinistische Befreiungsbewegung in Nicaragua, schlug sich mit Stalinisten unter Kommilitonen und Dozenten der Freien Universität in Berlin herum. Das war in den 70er Jahren. Sie war in unseren endlosen nächtlichen Diskussionen in ihren Wohngemeinschaften immer etwas friedlicher, freundlicher und fröhlicher, radikaler nur in ökologischen Fragen. Sie gehörte zu den ersten Sieben der taz. Viele schleppten damals in Berlin irgendeinen Vater mit sich herum. So vielen war die Stadt eine Fluchtburg geworden. Deshalb ist dieses grundehrliche Porträt des Vaters und seiner Generation gleichzeitig eines über ihre Altersklasse, die "keine Macht für niemand" wollte und die sich später in den Grünen etablierte. Lebensentwürfe aus der Negativform der Väter. Links statt rechts, antiautoritär statt autoritär, Internationalist statt Nationalist. Der Abwehr des Vaterschattens als erneute Abhängigkeit, sie wollte "das Gegenteil meines Vaters sein."

Ute Scheub, findet den Abschiedsbrief des Vaters zwischen "unordentlichen Familienangelegenheiten" und altem Geschirr. Sie ist inzwischen fast 50. "Aber die Tür zum Dachboden ist immer noch die Geheimnistür meiner Kindheit. Auch damals hat sie wie ein Gespenst geheult, als ich sie geöffnet habe." Jetzt fällt das Gespenst aus einer brüchigen Pappkiste, besteht aus Blättern mit flüchtigen Notizen, Schreibmaschinenblättern. Im Abschiedsbrief steht: "Der Bausparvertrag ist auch gesichert. ... Was ich Euch darüber hinaus sein könnte bin ich auch so. Meine Hoffnung ist sogar, auf diese Weise Besinnung zu sein für Euch alle." Ute Scheub hatte in Berlin gegen diesen schwäbischen Bausparvertrag-Vater Häuser besetzt.

Zu Härte erzogen

Während die Autorin verschrobene Sätze von gilbem Papier liest, nimmt sie den Leser mit in die SA-Zeit des Vaters, in seine Wachmannschaft bei der Göring-Villa, seinen Krieg und gleichzeitig ihre eigenen Kindheitserinnerungen. Die endlosen Waldspaziergänge mit ihm die endlosen Examina in Vogelstimmen-, Kröten- und Kräuterkunde. Die für das kleine Mädchen zu schweren Gießkannen, die Dornen, die bei der Gartenarbeit die Hände blutig rissen. Das Erziehungsprinzip: abhärten, zu Härte erziehen, Härte zeigen.

Ute Scheub zeigt den gepanzerten Vater, der den eigenen Körper wie einen Feind behandelt, seine Einsamkeit im inneren Bunker. Ein Nazi, der an seinem Schweigen erstickt. Sie blickt in die Kindheit des Sohnes eines jähzornigen Schwarzwälder Dorfschullehrers, "verratener" Weltkriegsheimkehrer, der noch in den 60er Jahren mit dem Rohrstock unterrichtete, an dessen Mittagstisch gebetet wurde, nicht geredet. "Nicht zurückzucken, die Hand oder das Gesäß hinhalten, die Strafe akzeptieren, das geplatzte Fleisch nicht spüren - darum ging es. An der Grenze der eigenen Identität, dort wo auf der Haut auch die Lust siedelt."

Zwischen Gehorsam und Selbstbehauptung

In den wenigen persönlichen Zeilen unter den vielen Phrasen aus dem großen Karton schreibt der Vater, über sich, den Klassenbesten, der bei "Spiel und Kameradschaft manche Zurücksetzung erlitt." Über sich, den Apothekeraspiranten, den der SA-Dienst innerlich ausfüllte. "Diesen nahm ich so, wie ich in der herkömmlichen evangelischen Frömmigkeit empfand." Die Tochter beschreibt den Vater schwankend zwischen Gehorsam und Selbstbehauptung, der in der Kameradschaft der Nationalsozialisten vergessen konnte, wie schmächtig er war, eingebettet in eine Volksgemeinschaft, wenn nicht vom Vater, so doch vom Führer geliebt, Teil einer Sippe, Rasse, aufgehoben in einer rasenden Hetzmeute. Als einziges Gefühlserlebnis die Gruppenekstase.

Auf dem Kirchentag faselte dieser von seiner Meute alleingelassene von alter Kriegskameradschaft und fehlenden Werten, von der Kirche, die seinesgleichen nicht mehr unterstützte, wie einst. Und später das Schweigen. Ist es möglich, fragt die Autorin, dass Täter durch ihre Reaktionen, Gesten, ihr Vermeiden, ihre Abwehr einen Schattenriss ihrer Taten zeigen. Und andere so die verdrängten Erinnerungen fast bildlich spüren? Gibt es eine "Trauma-Übertragung"? Tief in seinem Inneren fühlte ich eine Giftkapsel, schreibt die Tochter, und fragt: Hat die Kapsel auch mich, die Vaterhasserin, vergiftet? Erst in seinen Aufzeichnungen von 1967 findet die Tochter auch die Alpträume ihres Vaters.

Ihre Mutter hat damals extra die Gardinen gewaschen, als sich der berühmte Dichter ankündigte. Dann hat Günter Grass mit der Familie am Tisch gesessen, vom Kaffeetrinken bis zum Abendbrot. Die kleine Ute bewunderte ihre großen Brüder, die so klug und gelassen mit ihm redeten. Grass erwähnt die Jungen später nur in einem Satz. Das Mädchen erwähnte er nicht. Jetzt hat es selbst ein Buch darüber geschrieben, eines von befreiender Offenheit. Auch das ist ein Gegenentwurf.

Themen in diesem Artikel
  • Kuno Kruse
    Kuno Kruse

    Autor im Ressort Gesellschaft