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"Wie man leben soll": Sollten wir nicht erwachsen werden?

In seinem neuen Buch "Wie man leben soll" erzählt Thomas Glavinic auf vergnügliche Weise aus dem Leben des Nichtsnutzes Karl Kolostrum - und liefert zugleich einen ernsten Roman ab.

Von Carsten Heidböhmer

Bei der Lektüre von Thomas Glavinics "Wie man leben soll" wird man zwangsläufig mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Die Schilderung einer Jugend in Österreich weist eindeutig Parallelen zum bundesrepublikanischen Alltag auf. Die Beschäftigung mit der eigenen Adoleszenz hat bei der Generation der in den 70er und 80er Jahren Aufgewachsenen seit längerem schon Konjunktur. Der Boom der Popliteratur hat eine ganze Reihe von (west-)deutschen Befindlichkeitsgeschichten ans Tageslicht gebracht, von Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" über Sven Regeners "Herr Lehmann" bis hin zu Frank Goosens "Liegen lernen", die alle inzwischen fürs Kino verfilmt worden sind.

Diesen Büchern gemein ist die Abkehr von der Auseinandersetzung mit gesellschaftlich-sozialen Prozessen. Im Vordergrund steht die selbstverliebte Nabelschau der Protagonisten. Die äußere Realität findet zumeist nur durch Produkte der Warenwelt Einlass: Kleidung, Getränke und immer wieder Popmusik. Parallel dazu verlaufende politische Ereignisse (die Kohl-Ära, der Fall der Berliner Mauer) sind da nicht mehr als eine Hintergrundkulisse, die kaum von den persönlichen Beziehungsproblemen und Konsumgewohnheiten abzulenken vermag. Verantwortung zu übernehmen, hat in dieser Gemengelage natürlich keinen Platz. Angesichts dieses Narzissmus' ist es dann auch kaum verwunderlich, dass eine an diese Generation gerichtete Zeitschrift mit dem Slogan "Eigentlich sollten wir erwachsen werden" wirbt.

Durch Zufall im Berufsleben

Dass die Sozialisation in der benachbarten Alpenrepublik der bundesrepublikanischen durchaus ähnelt, kann man bei Thomas Glavinic auf vergnügliche Weise nachlesen. "Wie man leben soll" erzählt die Geschichte von Karl Kolostrum, einem stark übergewichtigen Heranwachsenden, der wenig mit seinem Leben anzufangen weiß. Ziellos bahnt er sich seinen Weg durch Schule und Universität, irgendwann landet er durch Zufall im Berufsleben. Er macht seine ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht, hat so seine Problemchen mit der lieben Familie und ist nebenbei unbeabsichtigt für den Tod mehrerer Menschen verantwortlich.

Pop als Wegweiser durchs Leben

Beim Lesen dieses Buches tauchen mehrere aus der Popliteratur vertraute Motive auf. So dreht sich die eigene Welt fast ausschließlich um Beziehungsprobleme. Wichtig ist weiter, was "in" und "cool" ist. Und immer wieder Popmusik als ständiger Lebensbegleiter. In dem Schnellabriss der 90er Jahre liest sich das so: "1995 unterscheidet sich von 1994 vor allem dadurch, daß man nun Stereolab hört statt Element of Crime. Man zieht mit Conny zusammen. Es gibt Wahlen. (...)
1996 unterscheidet sich von 1995 dadurch, daß in der Wohnung wieder zumeist Deutschrock erdröhnt. (...) 1999 gibt es wieder Wahlen. Man geht nicht hin. Nirvana und das andere Seattle-Zeugs erlebt eine Renaissance."

Verkappter Lebensratgeber

Doch man lasse sich von dieser Textstelle nicht blenden: Bei aller äußeren Annäherung an die Popliteratur nimmt das Buch das ganze Genre aufs Korn. Schon der Titel deutet an: Es handelt sich um einen verkappten Lebensratgeber (der Protagonist Karl selbst liest permanent solche Bücher). Das Buch ist gespickt mit urkomischen Szenen. Allein die Schilderung von Karls Tagträumen ist die Lektüre wert.

Lassen sich Bücher wie "Herr Lehmann" oder "Liegen lernen" als Entwicklungsromane lesen, so vermeidet Thomas Glavinic gerade durch die absurd-überzogene Geschichte jeglichen Ernst. Zudem bietet der "Held" Karl im Gegensatz zu den ach so menschlichen Protagonisten der Popliteratur keine wirkliche Identifikationsfläche. Man liest über das verkorkste Leben Karl Kolostrums und ersetzt das "eigentlich": Wir sollten schnellstens erwachsen werden!