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ZEITGESCHICHTE: Neue Heimat für die Verfemten

Von Georg Wedemeyer¶Aus einer privaten Sammlung von Exil-Literatur soll die »Bibliothek der verbrannten Bücher« werden

Treppauf, treppab im Haus des Rentners Georg Salzmann aus Gräfelfing bei München liegen, stehen, lagern, stapeln und türmen sich überall Bücher, vom Keller bis unters Dach. Seit 25 Jahren trägt der ehemalige Finanzkaufmann Exilliteratur zusammen. 10000 Bände hat er schon, viele von ihnen sind Erstausgaben der Werke jener 70 von Nazi-Deutschland verfemten Autoren, deren Werke am 10. Mai 1933 in rund 20 deutschen Städten öffentlich verbrannt wurden. Jetzt hat der 72-Jährige zu Hause keinen Platz mehr. Unbedachte Bewegungen könnten dort ganze Gebirge von Gedrucktem zum Einsturz bringen.

Doch obwohl Salzmanns Sammlung weltweit einzigartig ist, blieb das Interesse deutscher Institutionen an einer Übernahme bislang eher mau. Die Angebote aus dem Ausland, besonders den USA, überschreiten bereits die Millionengrenze, hierzulande versteckt man sich hinter »limitierten Ankaufetats« von wenigen zehntausend Mark und legt Salzmann unverblümt die Schenkung nahe. Ein Hohn.

Selbst wenn dem Sammler auf Flohmärkten manches Schnäppchen glückte, zum Beispiel die Erstausgabe von Oskar Maria Grafs »Wir sind Gefangene« vom Drei Masken Verlag für 50 Pfennig, so hat er doch insgesamt Zigtausende investiert. Allein Stefan Zweigs »Schachnovelle«, die erstmals 1941 in einer Auflage von nur 300 Stück in Brasilien erschien, hat ihn »ein kleines Vermögen« gekostet. Dabei hat Salzmann, der nach eigenem Bekenntnis aus einem »tiefbraunen Elternhaus« stammt, weniger ein finanzielles als ein inhaltliches Anliegen: »Ich möchte, dass die Sammlung in Deutschland bleibt, dass sie komplett bleibt und dass die Öffentlichkeit jederzeit Zugang zu ihr hat.«

Am liebsten würde der Rentner einen Besuch für Schulklassen zur Pflicht machen. Die Angst, es könnte sich wiederholen, dass »erst die Bücher und dann die Menschen brennen«, hat ihn nie ganz verlassen. Jetzt hoffen Freunde um den Münchner Maler Wolfram Kastner, mit einer Stiftung Geld für eine solche »mahnende Bibliothek« aufzutreiben.