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"Anonymus"-Filmstart: Wer ist Shakespeare - und wenn ja, wie viele?

Roland Emmerich hat ein Drama über den Ursprung der Werke Shakespeares gedreht. Und er hat den Platz zwischen "Independence Day" und "Godzilla" großartig gefüllt.

Von Sophie Albers

Roland Emmerich im Interview: "Ich glaube an nichts"

Nein, die Namen William Shakespeare und Roland Emmerich passen einfach nicht zusammen. Der größte Literat aller Zeiten, dessen Werke auch fast 400 Jahre nach seinem Tod in jeder Schule Standard sind, und der Actionregisseur, dessen größtes Verdienst ist, die Welt in Feuer-, -Wasser, -Sturm-Gewalten untergehen zu lassen? Das geht doch nicht gut. Oder doch? Am Donnerstag kommt "Anonymus" in die Kinos, und die Aufregung um dieses Drama über die wahre Identität des britischen Barden ist vor allem eines: verwirrend und werbeträchtig.

Das Infragestellen des gefeierten Autors, der Freud und Leid des Menschseins in 37 Dramen und 154 Sonetten auf den Punkt gebracht hat, ist zur Glaubensfrage geworden, der mit zuweilen religiöser Inbrunst begegnet wird. Britische, aber auch amerikanische Literaturexperten haben Emmerich geradezu beschimpft. Die seriöse britische Zeitung "Guardian" vermutet eine großangelegte Anti-Shakespeare-Kampagne. Der Shakespeare Birthplace Trust, der das Andenken an Shakespeare-Orten pflegt, ließ am Tag der Londoner "Anonymus"-Premiere in Shakespeares Geburtsort Warwickshire seinen Namen überkleben und in Stratford-upon-Avon eine Skulptur verüllen. Da wundert sich sogar Roland Emmerich und sagt: "Es ist doch nur ein Film."

Und es ist ein guter! In "Anonymus" habe er alles eingesetzt, was er je gelernt habe, sagte der Regisseur im Interview mit stern.de. Und tatsächlich: Der Zuschauer sieht das London des 16. Jahrhunderts aus der Katastrophenfilm-Vogelperspektive. Doch nur damit die Kamera dann um so tiefer eintauchen kann in die Stadt und ihre Menschen. So tief, dass der Film mitunter zum Kammerspiel wird.

Belächelter Action-Experte

Der englische Hof zu Zeiten Elizabeth der I. ist ein Schlangennest. Eine Regentin, deren Mutter vom eigenen Vater geköpft wurde, die in permanenter Angst lebt, selbst ermordet zu werden, die große Schlachten schlagen und ein Empire führen muss. Das Theater hat in diesen Tagen große Macht. Wie eine TV-Reality-Show findet sich auf den Brettern wieder, was die Menschen bewegt, worüber sie tuscheln, was sie emotional berührt. Ein gutes Stück hat so großen Einfluss, dass Autoren verhaftet und Bühnen niedergebrannt werden.

Für den Adel ziemt es sich nicht, Interesse an dem niederen Amüsement zu zeigen. Darunter leidet vor allem der ungemein talentierter Edward de Vere, der 17. Earl von Oxford, dessen Geschichte der Film erzählt. Theaterstücke auf Papier zu bringen, ist für ihn wie Atmen, die Tinte sein Blut. So schreibt er schließlich unter dem Namen eines anderen. Diese Tragödie ist verpackt in eine nicht minder tragische Liebesgeschichte. Mehr sei nicht verraten.

Emmerich erzählt das Ganze in einer elegant verschlugenen Flashback-Konstruktion. Völlig zu Recht ärgert es ihn, wenn Kritiker nun belächeln, dass hier ein Action-Experte auf Künstler mache.

Fast eine Hommage

Natürlich müsse man alles hinterfragen, verteidigt De-Vere-Darsteller Rhys Ifans ("Nottinghill", "Harry Potter"), der hier die beste Rolle seiner bisherigen Karriere spielt, Emmerichs Werk. Und auch Joely Richardson ("Nip&Tuck", "The Tudors") sieht das so, die die junge Elizabeth spielt. Ihre Mutter Vanessa Redgrave ("Abbitte") gibt die alte Königin ohne jede Eitelkeit: mit braunen Zähnen und Fingernägeln. Nur weil alle sagen, dass etwas wahr sei, bedeute das doch nicht, nie wieder selbst denken zu müssen. Sie verstehe nicht, warum die Shakespeare-Experten nicht begriffen, dass dieser Film zeige, wie spannend seine Werke immer noch seien, so Richardson. Darin sei er doch eher eine Hommage.

Bleibt die Frage des Wahrhheitsgehalts von Emmerichs Idee, dass De Vere der "wahre" Shakespeare ist. Hier kommt der wohl einfachste Gegenbeweis: De Vere war schon tot, als Shakespeare-Klassiker wie "Macbeth", "King Lear" und "Der Sturm" entstanden sind.

Aber wie gesagt: Es ist ja nur ein Film.