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"Australia": Kühe für Kidman

Seine Filme sind Spektakel der Superlative. Regisseur Baz Luhrmann hat mit der Opulenz von "Romeo und Julia" und "Moulin Rouge" ein eigenes Genre aufgemacht. Nun kommt das große Kriegs-Kühe-Kidman-Epos "Australia" in die Kinos. stern.de traf den Märchenerzähler zum wütenden Gespräch.

Von Sophie Albers

Zuerst nimmt man ihm gar nicht ab, dass er sauer ist. Regisseur Baz Luhrmann sitzt vor einem großen Poster seines neuen Films, um zu erzählen, warum möglichst jeder "Australia" sehen sollte. Aber der kleine Mann mit den grauen Haaren, der als Sohn einer Tänzerin und eines Kinobesitzers im ländlichen Australien aufwuchs, ist stinksauer. Und zwar eben wegen dieses Posters, das er da im Rücken hat.

"Sieht das etwa aus wie ein riesengroßer Spaß? Nein, man guckt es an und denkt an 'Jenseits von Afrika'. Aber darum geht es im Film gar nicht." Er dreht sich um und funkelt die ineinander geschmiegten, butterweichgezeichneten Gesichter von Nicole Kidman und Hugh Jackman an, die wirklich alles, nur nicht Spaß versprechen. Nein, er hätte das nicht ausgewählt. Er hätte ein Poster entworfen, auf dem Humor zu sehen sei, Romantik, Action und Drama. "Sehen Sie auf dem Bild eine Kuh? Nicht eine einzige Kuh ist zu sehen. Dabei wimmelt es im Film nur so von Kühen."

Hugh Jackman ohne Hut und Hemd

Das tut es tatsächlich. "Australia" erzählt die Geschichte der vornehmen Britin Lady Ashley (Kidman), die Anfang der 1940er Jahre nach Australien reist, um die Geschäfte ihres Mannes zu begutachten, der dort Rinder verkauft. Doch dann ist ihr Mann tot, sie trifft das Raubein Drover (Jackman), muss ein Aborigines-Kind vor der Zwangsmissionierung retten, eine Rinderherde durch die Wüste treiben, und schließlich greifen auch noch die Japaner an. Der Film ist übrigens fast drei Stunden lang.

Aber zurück zu den Kühen: In Hollywood vertrete man die Philosophie, dass man das Vieh nicht zeigen dürfe, schäumt Luhrmann weiter. "Bei 'Moulin Rouge' durfte man das Singen nicht erwähnen und bei 'Romeo und Julia' nicht den Shakespeare. Weil es angeblich leichter konsumierbar ist, wollen die, dass man es als etwas darstellt, was es nicht ist. Ist Ihnen aufgefallen, dass Jackman seinen Cowboyhut nicht trägt? In den USA kommen Western derzeit nicht mehr so gut an." Er schüttelt langsam den Kopf.

Nicole Kidman im Liebesrausch

Vier Jahre lang hat Luhrmann an seinem Heimat-Epos gearbeitet, das rund 130 Millionen Dollar verschlungen hat. Und nun fühlt er sich vom Filmmarketing verraten. Schließlich ist das Werk für den Filmemacher wie ein Mensch, der atmet und sich regt: "Es ist ein ganz eigenes Geschöpf", ruft der stolze Vater, der natürlich will, dass es auch betrachtet wird. Aber "wenn man dem Publikum nicht sagt, was es erwartet, warum sollte es dann ins Kino gehen?"

Zugegeben, nach einem Blick auf das Poster ist die Aussicht auf drei Stunden Kidman im Liebesrausch und Australien in Märchenfarben tatsächlich nicht so prickelnd. Hat man sich jedoch erst dazu durchgerungen, muss man zugestehen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt: In 165 Minuten liefert der Kino-Impresario seinem Publikum nur die ganz großen Gefühle, und das in grandios komponierten Bildern, die es eben nur in Luhrmann-Filmen zu sehen gibt. In dieses schillernde, verführerisch knisternde Bonbonpapier eingewickelt hat er harte Themen wie die 243 Toten des größten Bombenangriffs auf Australien im Zweiten Weltkrieg sowie eines der abscheulichsten Kapitel australischer Geschichte: das der gestohlenen Generation.

Nachdem die weißen Siedler den Ureinwohnern häufig das Leben, aber vor allem das Land und den Zugang zu Wasser genommen hatten, wollten sie ihnen auch noch die Kinder nehmen. Meist waren es "Mischlinge", die staatlich organisiert entführt und in kirchlichen Heimen "umerzogen" werden sollten. Diese Aktionen dauerten etwa von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre. Erst 2008 gab es eine offizielle Entschuldigung der australischen Regierung. Sicher zeigt "Australia" nicht das ganze Ausmaß, und sicher ist "Long Walk Home" (2002) der bessere Film zum Thema. Doch ist Luhrmanns Werk Mainstream-Kino, das diese Problematik auch Menschen vermittelt, die sich dafür ansonsten überhaupt nicht interessieren würden.

Kidman als Lachnummer

Sein Film sei eben eine Tragikomödie, sagt Luhrmann schließlich ein bisschen verzweifelt, als er das zweite Poster entdeckt, auf dem zwar der Krieg und Aborigines zu sehen sind, aber immer noch keine Kühe und erst recht kein Humor. Hollywood verstehe das Konzept der Tragikomödie nicht.

"Hätte ich einen Dollar für jeden Menschen, der mir sagt 'Ich dachte nicht, dass es so lustig ist', würde ich auf einem Berg Geld sitzen", schimpft der Regisseur. Denn: Ja, man kann über Nicole Kidman lachen. Und die offenbar auch über sich selbst. Hugh Jackman, der 2008 zum Sexiest Man Alive gewählt wurde, legt eine Duschszene hin, da kullern der unnahbaren Eiskönigin fast die Augen aus dem so unnatürlich straffen Gesicht. "Das ist Slapstick", sagt Luhrmann, "aber es geht eben auch um Krieg, trampelnde Rinderherden, die gestohlene Generation der Aborigines-Kinder und ein Liebesdrama". Bleibt die Frage, wie man das alles auf einem Poster unterkriegen soll.