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"Chihiros Reise ins Zauberland": Zeichen und Wunder

Animiertes aus Japan ist was für Teenies und Freaks. Dachte man bisher. Jetzt kommt Chihiros Reise ins Zauberland. Und zieht alle magisch an.

Dass die Japaner spinnen, wissen wir spätestens seit diesen Geschichten von hoch giftigen (und gern servierten) Kugelfischen oder von übereinander gestapelten Schlafröhren, die optimistisch "Love Hotels" genannt werden. Wer wird sich also wundern, wenn dieses seltsame Volk wie von Sinnen in einen Zeichentrickfilm rennt. Mehr Besucher als "Titanic" hatte "Chihiros Reise ins Zauberland" - dessen Titelheldin eine tollpatschige Göre ist, der man als Erziehungsberechtigter bald eine scheuern möchte. Doch recht früh in dem 122-Minuten-Werk werden Chihiros Eltern in Schweine verwandelt, und die Zehnjährige muss in einer Welt voller Götter, Geister und Tierwesen allein erwachsen werden.

Zeichentrick? Japan? Da war doch was. Beim Zappen am Nachmittag gerät man schnell in eine der schrillen Kinderserien, die auf RTL 2 oder S-RTL für gute Quoten sorgen: "Pokémon", "Yu-Gi-Oh!", "One Piece". Auch der Musiksender MTV hat zeitweilig bis zu drei solcher Reihen laufen, aktuell den Sci-Fi-Western "Cowboy Bebop". Und dann fallen einem noch Fotos ein, auf denen in einer voll besetzten Tokioter U-Bahn jeder Pendler in ein Comicbuch versunken ist.

In Japan sind diese bunten Bilder ein mächtiger Teil der Popkultur, ihre Helden werden wie menschliche Stars verehrt. Manga nennt man sie in Buchform (wörtlich übersetzt: "komische, gezeichnete Bilder"), als Film Anime (vom englischen Wort für Zeichentrick, "animation"). Die Liebe zu ihnen ist alt und verständlich: Nicht nur basieren die heutigen japanischen Schriftzeichen auf Bildern, auch der Gebrauch von Wort-und-Bild-Kombinationen ist älter als der Kölner Dom - bereits im 12. Jahrhundert gab es Malereien auf Querrollen, die sich Szene für Szene aufwickeln ließen.

Der erste 15-bändige Manga, eine Sammlung humoristischer Holzschnitte, datiert aus dem Jahr 1814. Beeinflusst von amerikanischen Comicstrips, begann die Blütezeit der Mangas nach dem Zweiten Weltkrieg: 1951 erfand Osamu Tezuka den legendären "Astroboy", einen unglücklichen Roboterjungen, und bearbeitete Dostojewskis "Schuld und Sühne" für die Welt der bunten Bilder.

Heute gibt es Mangas in jedem Genre, für jeden Geschmack: für Hausfrauen, Rentner, Wirtschaftsbosse; Romanzen, Gewaltfantasien, Samurai-Epen. 130 Verlage sorgen für reichlich Nachschub: Jeden Monat erscheinen 300 Magazine und 400 neue Bücher; im Inselstaat wird mehr Papier für die Manga-Produktion als für Toiletten verbraucht. Die Hälfte aller Kinotickets geht an animierte Filme; bei uns ist das, neben Ausnahmen wie der "Werner Beinhart"-Reihe oder dem "Kleinen Arschloch", eine Seltenheit.

Dabei haben wir uns schon vor Jahrzehnten in die japanischen Exporte verliebt. Unbewusst natürlich: Denn wer weiß schon, dass die TV-Zeichentrickheldin "Heidi" aus Japan stammt? Ebenso "Biene Maja", "Kimba, der weiße Löwe" und "Captain Future". "Heidi" hatte der gleiche Mann gezeichnet, der nun mit "Chihiro" den ersten internationalen Erfolg eines japanischen Trickfilms feiert: Hayao Miyazaki, Jahrgang 1941, der wahlweise verehrt wird als der Disney Japans oder der Kurosawa der Animation.

In Deutschland ist nun die erste Generation von Jugendlichen mit Mangas groß geworden - und nicht mit "Asterix" und "Tim und Struppi". Der Carlsen-Verlag, bei dem auch die Buchversion von Chihiros Abenteuern erschien, erreicht mit seinen monatlichen Manga-Magazinen "Daisuki" (für Mädchen) und "Banzai" (für Jungs) Auflagen von bis zu 80.000 Exemplaren. Wie es aussieht, fangen wir gerade an, ein bisschen mitzuspinnen.

Matthias Schmidt / print
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