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"Der Exorzismus von Emily Rose": Zum Teufel mit der Wahrheit

Der Grusel-Gerichtsfilm "Der Exorzismus von Emily Rose" erzählt die Geschichte einer missglückten Teufelsaustreibung. Und stellt Fragen: Was ist Wahn, was ist Wahrheit? Kann Wahn Wahrheit sein?

Von Ralf Sander

"Sie ist keines natürlichen Todes gestorben", lautet das Urteil des Arztes, als er aus Emily Roses Zimmer kommt. Niemand ist überrascht, ihre Familie nicht - und auch Pater Moore nicht, als er in Handschellen abgeführt wird. Er hat versagt. Mit einem Exorzismusritual wollte der Geistliche der 19-Jährigen den Dämon austreiben. Sie selbst war überzeugt, besessen zu sein. Ihre fromme Familie und Moore teilten ihre Ansicht. Der Exorzismus missglückte. Doch wann muss ein katholischer Geistlicher ins Gefängnis, weil er versagt? Wenn der ganze Dämonenkram Unfug ist. Wenn die Frau schwer gehirnkrank ist, und der Geistliche ihr wichtige Medikamente vorenthält. Dann lautet die Anklage auf "Totschlag aus Fahrlässigkeit".

Was stimmt denn nun? Welche Sichtweise entspricht der Realität? Das muss ein Gericht entscheiden. Und der Zuschauer des Gruselthrillers "Der Exorzismus von Emily Rose".

"Das Volk gegen Pater Moore"

Liegt die Wahrheit im Auge des Betrachters? Das ist die Frage, der sich Regisseur und Co-Drehbuchautor Scott Derrickson mithilfe der Gerichtsverhandlung im Fall "Das Volk gegen Pater Moore" nähert. Die Zeugenaussagen, die in Form von Rückblenden erzählt werden, zeichnen ein Bild von Emily Rose und ihrer Besessenheit. Wie sie ihre auf dem Land lebende Familie verließ, um aufs College zu gehen. Wie dort die ersten Visionen auftraten. Wie sie Anfälle bekam, ihren Körper verrenkte, ohrenbetäubend schrie, sich selbst verletzte. Wie sie von den Dämonen erzählte, die von ihr Besitz ergriffen. Doch solche Aussagen basieren auf subjektiver Wahrnehmung. Und für alle angeblich spirituellen Attacken liefert die Staatsanwaltschaft sofort eine medizinische Erklärung, die ebenso überzeugend ist.

Der Zuschauer findet sich in der Rolle der Geschworenen wieder. Welche Schlüsse zieht er aus dem Gehörten? "Der Exorzismus von Emily Rose" ist eine Fragensammlung auf Zelluloid, verweigert aber konsequent die Antworten. Das ist überraschend, denn der Film ist kein verfilmtes Philosophie-Oberseminar. Er bekennt sich zu seinem Unterhaltungsauftrag: Die Szenen vor Gericht folgen streng der Dramaturgie etlicher amerikanischer Gerichtsfilme und sind aus diesem Grund gelegentlich vorhersehbar: Die Verhandlung ist ein Schaukampf zwischen Verteidigung und Staatsanwalt. Zeugen tauchen plötzlich auf, wenn die Lage aussichtslos erscheint. Zeugen verschwinden, als alles gut zu werden scheint.

Kein Wettbewerb mit dem Klassiker

Die Rückblenden zu Emilys Leben wiederum folgen bedingungslos dem Gruselgenre, mit wohldosierten Schocks, fiesen Geräuschen, erschreckenden Bildern. Bei der Darstellung vom Teufel besessener Mädchen drängt sich immer William Friedkins "Der Exorzist" ins Gedächtnis. Regisseur Dickerson widersteht der teuflischen Versuchung, sich in einen Wettbewerb mit dem Klassiker von 1973 zu begeben. Emily Rose dreht nicht ihren Kopf um 360 Grad, sie ergeht sich nicht fäkalsprachlichen Beschimpfungsorgien, sie erbricht keine Familienpackungen Erbsensuppe. Auf Splatterszenen wird ebenfalls verzichtet. Emilys Anfälle sind grauenhaft, erschreckend, aber auch Mitleid erregend und vor allem immer am Rande dessen, was sich auch ohne übernatürliche Argumente erklären lässt. Sonst würde der ganze Film nicht funktionieren.

Schmerzhaft intensiv

Lose orientiert an dem realen Fall der Anneliese Michel in Bayern (1976), hat Scott Dickerson einen spannenden und unterhaltsamen Gruselfilm gedreht. Er ist komplexer aufgebaut und besser geschauspielert als viele andere Genrevertreter. Der Thriller kommt ohne große Namen aus und greift auf Qualitätsmimen aus der zweiten Reihe zurück. Tom Wilkinson und Laura Linney überzeugen als Pater Moore und seine ehrgeizige Anwältin Erin Bruner. Eine Entdeckung ist Jennifer Carpenter in der Titelrolle: Ihr darstellerischer Tour-de-Force-Ritt durch Emilys Anfälle verursacht schon beim Zuschauen Gelenkschmerzen und Gesichtsmuskelzerrungen. Wahnsinn!