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"Desperate Housewives": Und ewig bockt das Weib

In den USA gilt sie als Ersatzdroge für "Sex and the City"-Junkies. Die Serie Desperate Housewives erzählt sarkastisch aus dem Leben eines Hausfrauen-Quartetts.

Normalerweise hätte sie jetzt Versöhnungssex mit ihrem Ehemann, dass die Wände knattern und die Lungen Halleluja pfeifen, schließlich ist dies eine amerikanische Seifenoper. Doch kaum liegt die Heldin mit dem Gatten in der Horizontalen, fällt ihr Blick auf den Nachttisch, wo gerade Weichkäse aus einem Burrito tropft. Und schwupp, wird das Vorspiel abgebrochen, und Bree springt auf und holt einen Lappen, sie kann nicht anders, sie ist Hausfrau. Hausfrau! Nie wurde einer so unglamourös klingenden Bevölkerungsgruppe eine Serie gewidmet, selten eroberte eine TV-Neueinführung schneller sein Publikum: Rund 25 Millionen Amerikaner hängen sonntagabends vor ihren Fernsehern, wenn die "Desperate Housewives", die verzweifelten Hausfrauen, ihre kleinen Vorstadthöllen putzen.

Wie einst

die alkoholisierte Sue Ellen oder Alexis, das Denver-Biest, sind die Hauptdarstellerinnen zu lieb-vertrauten Hassfiguren avanciert. Da ist zum Beispiel Susan (Teri Hatcher), eine frisch geschiedene Alleinerziehende - sexy und ein bisschen schusselig, was eine Superkombination fürs männliche Publikum ist, denn ab und an schließt sie sich aus und steht nackig im Garten. Dass so viele Männer die Serie sehen, ist also verständlich: Die Mädels haben oft wenig an. Und sie sind verzweifelt. Kapiert? Sie machen fast alles. So wie die kleine vernachlässigte Gabrielle (Eva Longoria), sexy und ein bisschen verludert, die eine Affäre anfängt mit dem Gärtner. Als sie ihn einmal anruft und fragt: "Wo bist du gerade?", antwortet er: "Mathe." Er ist, hoppala, siebzehn. Dann ist da die rothaarige Bree (Marcia Cross) - das Männermagazin "GQ" nannte sie begeistert "Hitler-Mom", eine neurotische Putzteufelin, die es nicht fassen kann, wenn ihre Umwelt das Unperfekte vorzieht.

Edie (Nicollette Sheridan) ist schlicht und ergreifend ein Flittchen, das gern in Hotpants Autos einschäumt; schließlich ist dies eine Seifenoper. Und Lynette (Felicity Huffman)? Mutter von fünf Rüpeln einschließlich Ehemann, völlig überfordert. Nimmt Beruhigungspillen, hält Erpressung für das einzig wahre Erziehungsmittel. Ein Fall für die Super-Nanny und die realistischste Figur in diesem Reigen.

Erfunden hat die feine Nachbarschaft aus dem "Glyzinienweg" der Comedy-Autor Marc Cherry, der schon für die "Golden Girls" geschrieben hat. Hommage an seine Mutter, wie er sagt, die einst den Beruf aufgab, um ihn und seine Geschwister großzuziehen. Die Ehrenrettung der Hausfrau, war das wirklich nötig? Manche US-Kritiker wittern im Sensationserfolg der "Desperate Housewives" einen beunruhigenden Retro-Trend, sehen Frauen zu Frauchen mutieren, denen die Welt entgleitet, die sie eigentlich erobern wollten. Andere feiern die Serie als Parodie auf "echte" Frauchen-Filme, preisen sie als post- oder neofeministisch, bei Bedarf auch antifeministisch, ist eh egal, solange die Leute gucken.

Und weil die Begeisterung anhält, werden in Hollywood nun verzweifelt Drehbücher gesucht mit Frauen im Mittelpunkt. Die dürfen sogar älter sein als 25 - sind die Ladys aus dem Glyzinienweg schließlich auch. Teri Hatcher ist 40, Marcia Cross und Felicity Huffman sind schon, schluck, 42! Auch das übrigens ein Grund für den Siegeszug des Heim-Werks: Die Helden sind, in einem Meer von Teenie-Entertainment, Erwachsene. Und trotzdem guckt sich das Ganze so luftig, bunt und kinderleicht wie "Melrose Place".

Denn eines ist klar:

Was den Alltag von Hausfrauen und Müttern angeht, ist diese Serie etwa so wahrhaftig wie das Dekolleté eines Hollywoodstars. Alles in diesem kalifornischen Vorstädtchen glänzt und glitzert, es kommt einem vor, als betrete man eine Kosmetikanzeige.

Aber Achtung, im Innern dieser durch und durch kommerziellen und frivolen Komödienreihe wohnt eine überraschend dunkle Seele. Die Ehen der "Housewives" zerfallen, die Kinder ziehen auf andere Planeten, Unglück lauert an jeder manikürten Rasenecke. Gleich zu Beginn nimmt sich eine Freundin das Leben. Schmutz! Unordnung! Und spätes Leid! Da mischen sich Chaos und Comedy, Drama und Drolliges, Quickies und Qualen. Perfekt ist das nicht. Aber, neuer Hausfrauentipp, die Leute mögen es lieber so.

Christine Kruttschnitt / print