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"Die drei Räuber": Donnerbüchse und Lösegold

In 23 Sprachen ist Tomi Ungerers Kinderbuch "Die drei Räuber" übersetzt worden. Nach langem Zögern hat nun der Meister einer Verfilmung zugestimmt. Nicht nur das, er macht auch noch selbst mit. Das Ergebnis ist absolut sehenswert.

Von Bettina Schneuer

Vielleicht beginnen so immer die Geschichten, denen wir am liebsten zuhören, egal wie jung oder wie alt wir sind: "Es war einmal". Drei kleine Worte, die sofort Gänsehaut die Arme hochkrabbeln lassen, die Ohren in Habachtstellung versetzen und das Herz schneller schlagen lassen: "Es war einmal."

Es war also einmal: ein Mann, der schrieb und zeichnete ein wunderbares Buch. Rund 45 Jahre ist das her, in 23 Sprachen wurde es übersetzt und in der ganzen Welt bekannt. Niemals wollte dieser Mann, dass aus seinem Buch ein Film gemacht werden sollte. Nun hat er aber dazu doch ja gesagt, ja sogar dabei mitgemacht, und das ist auch gut so. Denn "Die drei Räuber" ist ein wunderbarer Film geworden, sozusagen der bewegte Lang-Roman zum kurzen Blätter-Buch.

Es waren also einmal: drei grimmige Räuber, bewaffnet mit einer Donnerbüchse, einem Blasebalg mit Pfeffer drin und einem riesigen roten Beil. Doch als diese schrecklichen Kerle eines Nachts mal wieder eine Kutsche überfallen, finden sie keine Juwelen und keine Münzen darin, sondern nur ein kleines Mädchen: Tiffany, die nach dem Tod ihrer Eltern in ein Waisenhaus gebracht werden soll. Sie will dort aber nicht hin und lügt den Räubern vor, ihr Vater sei reich und würde für sie viel "Lösegold" zahlen - und deswegen nehmen die Räuber sie mit in ihre dunkle Höhle. Tiffany bringt dort (im wahrsten Sinne des Wortes) Farbe in das Leben der drei Räuber, die das Mädchen langsam, aber sicher in ihre Herzen schließen.

Doch währenddessen ist die fiese Frau, die das Waisenhaus leitet, auf der Suche nach dem Mädchen. Denn sie braucht Kinder, die für sie arbeiten: auf den Rübenfeldern, damit sie mit Hilfe einer geheimnisvollen Maschine aus der Ernte Süßigkeiten herstellen kann - nur für sie, nicht für die Kinder!

Natürlich gibt es, wie es sich für gute Filme gehört, Stellen, an denen es sich wunderbar heulen lässt: Wenn Tiffany (grandios gesprochen von der achtjährigen Elena Kreil) an die Wände der Räuberhöhle "Mama" und "Papa" schreibt. Oder als die Räuber merken, dass der Papa von Tiffany gar kein stinkreicher Maharadscha ist und sie leise sagt: "Stimmt. Ich bin ein Waisenkind. Kein Gold. Nix wert. Und jetzt gehe ich ins Waisenhaus. Da gehören Waisenkinder wohl hin." Zwei Kinder riefen da während der Premiere laut in den dunklen Kino-Saal: "Tiffany, nein! Du kannst doch bei uns leben!"

Tomi Ungerer, Verfasser des Buchklassikers und Sprecher im Film, wurde selbst mit vier Jahren Halbwaise: Sein Vater starb an Blutvergiftung. Er widmete viele seiner Bücher vierjährigen Kindern. "Mich fasziniert an der Geschichte am meisten dieses Niemandsland zwischen dem Bösen und dem Guten. Dort kann jeder etwas lernen und verstehen. Jeder Mensch tut jede Menge böser Sachen, jeder Mensch ist gut und böse: Ich glaube, für Kinder ist es beruhigend, das zu wissen." Er weiß eben noch immer, mit 75 Jahren, wie es sich anfühlt, Kind zu sein, wie traurig man sein kann und wie weise und wie mutig.

So wie Tiffany eben. Die reißt aus der Räuberhöhle aus und läuft in den Wald. Dort trifft sie zwei Jungs, die aus dem grässlichen Waisenhaus mit seiner Zwangsarbeit geflohen sind. "Ohne Rübe keine Liebe!", ist das Motto der Heimleiterin (genussvoll böse: Katharina Thalbach): Nur wenn ihr etwas für mich leistet, mag ich Euch - vielleicht! Das tapfere Mädchen beschließt, die anderen Heimkinder zu befreien. Und mitten in der großen finalen Schlacht kommen den Kindern auf einmal die drei Räuber zur Hilfe: Denn die waren selbst einmal drei Waisenkinder, und sogar dem allergrimmigsten Räuber Malente (Joachim Krol) schlottern immer noch die Knie, wenn er an seine Kindheit im Heim denkt.

Und danach wissen die drei Räuber auch auf einmal ganz genau, was sie mit ihrem Geräuberten anfangen sollen, mit all den Perlen und Edelsteinen, Goldpokalen und Silbermünzen...

Vielleicht sind Räuber ja wirklich die besseren Eltern?

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