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»EINE SCHWALBE MACHT DEN SOMMER«: Verrückte Kühe und Hasen in Rotweinsoße

Die junge Pariserin Sandrine gibt ihren Job in der Stadt auf und kauft einen Bauerhof auf dem Lande. Nach vielen Schwierigkeiten entwickelt sie sich zu einer modernen Vorzeige-Bäuerin.

»Zurück zur Natur« war in den späten Siebzigern die Devise vieler enttäuschter Politaktivisten, die sich bevorzugt in der Toskana oder in Südfrankreich auf dem eigenen Bauernhof vom Stress und der Umweltverschmutzung der Städte abkoppeln wollten. Meist ging das Abenteuer wohl so aus, wie es auch der französische Film »Eine Schwalbe macht den Sommer« (Kinostart am 1. August) befürchten lässt: Das vermeintlich selbstbestimmte Bauerndasein erwies sich als Knochenjob, und man tauschte die eigene Scholle bald wieder gegen urbanen Komfort.

Gegen den Spott der Einheimischen

Und obendrein empfangen die Einheimischen die Zivilisationsmüden mit Spott und Unverständnis: »Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer«, meint Adrien, ein knorriger Bauer, der seinen Aussiedlerhof an ein junges Ding aus Paris verkauft. Während der zwei Jahre, in denen er in seinem Haus noch Wohnrecht hat, wartet der verbitterte Alte voller Ingrimm darauf, dass die Besitzerin die Flinte ins Korn wirft.

Vom Internet auf den Bauernhof

Doch Sandrine, die in Rekordzeit die Landwirtschaftsschule absolviert und voller Elan den Hof umkrempelt, ist aus einem anderen Holz geschnitzt als die blauäugigen Stadtflüchtlinge von einst: Die 30-Jährige, die in Paris gut verdienende Internet-Trainerin war, weiß, was sie tun muss, um ihren Traum zu verwirklichen.

Dass diese ungewöhnliche Aussteigergeschichte einesteils so betont zupackend und unromantisch daherkommt, beim Mistgabelschwingen aber tiefe Gefühle und kollektive Sehnsüchte vermittelt, ist wohl der Hauptgrund für den erstaunlichen Erfolg dieses Debütfilms, den bis jetzt zweieinhalb Millionen Franzosen gesehen haben, vermutlich alles Städter.

Plädoyer für das Leben auf dem Land

Denn Regisseur Christian Carion macht sich zum Advocatus Diaboli und demonstriert die harten Realitäten der Landwirtschaft: Da wird schon mal gezeigt, wie Sandrine kotzt, als sie ein Schwein schlachten muss. Die Idylle schleicht sich trotzdem ein, auf leisen Sohlen. Geschickter als Carion, der als landflüchtiger Bauernsohn selbst ein Gespaltener ist, kann man kaum für das Leben auf dem Lande plädieren.

Vorzeige Bäuerin

Sandrine entwickelt sich zum Vorzeigemodell einer modernen Selfmade-Bäuerin und dient dazu als lebender Beweis, dass jeder nach seiner Facon selig werden kann. Ganz schön viel, doch Mathilde Seigner nimmt die Beweislast locker auf ihre breiten Schultern: Mit ihrer kräftigen Statur, den leicht asymmetrischen Gesichtszügen und ihrer etwas pampigen Ausstrahlung ist sie eine tolle Besetzung. Als Inbegriff der starken Frau dübelt Sandrine Regale ein, repariert Leitungen, kocht Marmelade, zieht mit der Ziegenherde über einsame Bergwiesen, organisiert einen Internet-Käseversand, baut Ferienwohnungen...

Nur kochen kann sie nicht, im Gegensatz zu Adrien, der Sandrine zum selbst geschlachteten Stallhasen in Rotweinsoße einlädt, um beim gemeinsamen Schlemmen das Kriegsbeil zu begraben. Michel Serrault, kaum wiederzuerkennen als unrasierter Zausel, spielt den Geist, der stets verneint und der mit widerstreitenden Gefühlen kämpft. Stolz und auch neidisch ist er auf »die Pariserin«, und giftet missgünstig hinter ihrem Rücken, als Männerbesuch eintrifft. Wunderbar lakonisch und von subtiler Komik sind die Machtspiele und Versöhnungsstrategien der beiden Dickköpfe, die bald merken, dass sie in einem Boot sitzen.

Koller auf dem einsamen Hof

Man spürt, dass Carion kennt, was er zeigt - den Kampf gegen Wind und Wetter, der Umgang mit den Tieren, das Misstrauen gegenüber Beamten und praxisfernen EU-Vorschriften. Auch »Mad Cows« tauchen in Adriens tragischer Vergangenheit auf, und einmal bekommt Sandrine auf dem eingeschneiten Hof fast einen Koller.

Ferien auf dem Bauernhof

Dann wieder döst sie in der Sonne und kaut an einem Grashalm inmitten ihrer ebenfalls friedlich grasenden Geißlein mitsamt Lieblingsziege Louise; ein Drachenflieger schwebt durchs Azur, und ohne Worte wird begreiflich, was diese junge Frau antreibt. Gedreht wurde hoch in den französischen Voralpen, das wunderschöne Panorama lässt einen auch vor der Leinwand tief durchatmen, und man wartet so lange, bis im Abspann die genauen Drehorte genannt werden. Warum nicht mal Ferien auf dem Bauernhof machen?

Birgit Roschy

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