HOME

"Elling - Nicht ohne meine Mutter": "Er ist gemein"

Ingvar Ambjørnsen erfand ihn, Per Christian Ellefsen gab ihm ein Gesicht: ein Gespräch über den Erfolg des kauzigen Muttersöhnchens Elling.

Herr Ambjørnsen, entschuldigen Sie bitte, dass Sie jetzt wieder über Elling reden müssen. Eigentlich wollten Sie das ja nicht mehr.

AMBJØRNSEN: Ich will nur in Norwegen nicht mehr über ihn reden, weil ich pro Monat immer noch 200 bis 300 Mails mit immer denselben Fragen bekomme: Wer ist Elling? Woher kommt Elling? Warum ist Elling so, wie er ist? Es hört nicht auf.

Für ein psychisch gestörtes Muttersöhnchen hat Elling eine erstaunliche Karriere hinter sich: Die vier Romane sind Bestseller, der erste Film war in Norwegen der erfolgreichste aller Zeiten und für den Oscar nominiert. Dieser Elling hat Sie in Norwegen zum literarischen Superstar gemacht.

AMBJØRNSEN: Elling ist für die Norweger eine lebendige Person. Die Leute fragen mich: Wie geht es Elling? Aber seit dem letzten Buch vor fünf Jahren bin ich wirklich fertig mit ihm. ELLEFSEN: Elling gehört inzwischen zum Lehrstoff in der Schule. Schüler schreiben Aufsätze oder halten Vorträge über ihn. Sogar Studenten beschäftigen sich mit ihm.

Ist Ihnen das ein bisschen unheimlich?

AMBJØRNSEN: Natürlich. Aber Norwegen ist eben ein kleines Land. Dass eine literarische Figur so lebendig wird, ist allerdings noch nie passiert. Alle Norweger, die Bücher lesen, kennen Elling. Und die, die keine Bücher lesen, kennen Elling durch den Film. Macht zusammen 100 Prozent.

Ellings Erfolg ging weit über Norwegen hinaus: Kevin Spacey wird ein Hollywood-Remake drehen, und der erste Film war auch in Deutschland sehr erfolgreich. Lag das daran, dass Sie die Elling-Romane in Ihrer Wahlheimat Hamburg geschrieben haben? Hat Elling etwas Deutsches an sich?

AMBJØRNSEN: Elling hätte überall entstehen können. Es hat nicht einmal etwas mit der westlichen Kultur zu tun. In Norwegen wurden die Romane als Kritik am sozialdemokratischen Gesellschaftsmodell des Wohlfahrtsstaates gedeutet. Unsinn! Elling ist universell. Er hätte auch 1972 in Peking auftauchen können.
ELLEFSEN: Nach einer Vorführung beim Filmfestival in Istanbul kamen viele Leute zu mir und sagten: "Elling ist ein Türke!" Bei einem Festival in Spanien sagten die Zuschauer: "Den kenne ich, Elling ist ein Spanier!"

Wie kamen Sie auf Elling?

AMBJØRNSEN: Ich wollte ursprünglich einen Thriller über einen einsamen Psychopathen schreiben, der eine Kleinstadt oder Satellitenstadt terrorisiert. Doch dann entwickelte sich daraus plötzlich dieser Typ, der selbst Angst hat.

Wie erklären Sie sich das Phänomen Elling?

AMBJØRNSEN: Viele Leute haben mir gesagt, sie hätten das Gefühl, Elling zu kennen oder selbst ein wenig wie er zu sein.
ELLEFSEN: Ich treffe oft Leute, die mir erzählen, sie würden mit Leuten wie Elling zusammenarbeiten oder sie aus der eigenen Familie kennen. Oder diesen seltsamen, verschrobenen Nachbarn haben, dem man nie guten Tag sagen mag.
AMBJØRNSEN: In Schweden wurde Elling nach dem Mord an Anna Lindh sehr ernsthaft diskutiert. Der Täter war einer dieser typischen Einzelgänger, genau wie Elling. Ich fand die Diskussion sehr interessant. Denn normalerweise befasst man sich mit solchen Typen erst, wenn sie ausrasten und jemanden umbringen. Und vielleicht ist Elling auch so einer: eine tickende Zeitbombe. Das weiß man bei ihm nicht so genau. Das kann schon sein.

Welchen Nerv hat Elling getroffen?

AMBJØRNSEN: Schwer zu sagen, aber offensichtlich sagt er den Leuten etwas. Der große Erfolg hat mich sehr überrascht. Im ersten Buch zum Beispiel waren Szenen, die beinahe pornografisch waren, über die damalige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, die von Elling verehrt wird. Ich dachte, Frauen würden das Buch dafür hassen. Doch was passierte? Die Frauen lieben Elling! Vor allem die älteren. Unerklärlich. Genauso beim ersten Film: Bei einer Vormittagsvorführung in der Provinz waren fast nur ältere Leute, und sie waren alle begeistert.
ELLEFSEN: Und die jungen Leute auch. Er ist beinahe ein Held für sie.
AMBJØRNSEN: Als der erste Film im Kino lief, hatte ich auf der Fähre Kiel-Oslo ein wunderbares Erlebnis. Eine alte Dame kam auf mich zu und sagte: Ach, Herr Ambjørnsen, Elling ist so wunderbar. Und hinter ihr stand? Elling! Ein verschrobener, seltsamer Typ, der mich ansah und nickte, als seine Mutter mich beglückwünschte. Ihr Sohn! Genau derselbe Typ wie Elling! 32 Jahre alt oder so. Ich musste mich wirklich zusammenreißen. Jetzt bloß nicht lachen, sagte ich mir.

Zeichnet der Film den Charakter Ellings so, wie Sie ihn erdacht haben?

AMBJØRNSEN: Ich fand die Figuren im ersten Film ein bisschen zu hysterisch. Zu viel Geschrei. Der zweite Film trifft Elling meiner Meinung nach genauer. ELLEFSEN: Das sind zwei völlig verschiedene Filme. Der erste war temporeicher und lustiger. Man fühlte sich gut danach. Jetzt macht sich Elling mit seiner Mutter auf die Reise nach Mallorca. Der zweite Film ist viel leiser...

... und Elling viel unsympathischer.

AMBJØRNSEN: Ja, denn er ist nicht nur ein netter kleiner Witzbold. Er ist gemein. Unsympathisch. Das wird im dritten Film, der in diesem Herbst gedreht wird, noch klarer herauskommen.

Haben Sie eigene Erfahrungen in die Bücher eingebracht?

AMBJØRNSEN: Ich habe einige meiner eigenen Phobien verarbeitet. Ich bekomme Panik, wenn viele Leute um mich herum sind. Ich kann kein Kaufhaus betreten, ohne vorher eine Valium eingeworfen zu haben.

Hat Ihnen das Schreiben geholfen, darüber hinwegzukommen?

AMBJØRNSEN: Leider nicht. Das wäre schön.
ELLEFSEN: Immerhin ist es nicht schlimmer geworden!

Interview: Oliver Link/ Bernd Teichmann / print
Themen in diesem Artikel