ORF zeigt neue Doku über Natascha Kampusch
"Sie ist wieder in einer Art Gefangenschaft"

Natascha Kampusch wurde 1998 im Alter von zehn Jahren entführt. Nach mehr als acht Jahren konnte sie im Sommer 2006 fliehen.
Natascha Kampusch wurde 1998 im Alter von zehn Jahren entführt. Nach mehr als acht Jahren konnte sie im Sommer 2006 fliehen.
© imago images/Eventpress
20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung hat Natascha Kampusch einen Zusammenbruch erlitten. Der ORF beleuchtet den Fall in einer neuen Doku.

Für viele Menschen war Natascha Kampusch (38) das Symbol eines kaum vorstellbaren Überlebenswillens: ein Mädchen, das achteinhalb Jahre in einem Kellerverlies festgehalten worden war und sich schließlich selbst befreite. Heute, knapp zwei Jahrzehnte später, ist aus diesem Symbol einer ungebrochenen Frau eine zutiefst erschöpfte, in sich zurückgezogene 38-Jährige geworden. Die Familie spricht erstmals öffentlich über einen Zusammenbruch, der sie ratlos und tief betroffen hinterlässt.

Am 16. März um 20:15 Uhr strahlt ORF 2 die Dokumentation "Natascha Kampusch - Gefangen in Freiheit" aus. In dem 95-minütigen "Thema-Spezial" zeichnet Journalist Christoph Feurstein das Schicksal des Entführungsopfers vom Tag ihres Verschwindens am 2. März 1998 bis in die Gegenwart nach. Anschließend folgt eine Gesprächsrunde unter der Leitung von Lou Lorenz-Dittlbacher.

"Sie ist wieder in einer Art Gefangenschaft"

Der Zusammenbruch, von dem Claudia Nestelberger, Natascha Kampuschs Schwester, berichtet, ist mehr als eine Erschöpfung. Er ist ein Rückzug aus der Welt. "Jeder weiß, wie Natascha früher vor der Kamera gesprochen hat. Das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr. Sie ist meist in einer eigenen Welt. Sie ist wieder in einer Art Gefangenschaft", sagt Nestelberger dem ORF. "Es ist herzzerreißend und wir fühlen uns hilflos." Die Angehörigen hatten lange geschwiegen.

Genau dieses Schweigen will die Familie nun durchbrechen, aber auf eine kontrollierte, sensible Weise. Statt Kampuschs Zustand durch eine unkontrollierte Berichterstattung zum weltweiten Schlagzeilen-Thema werden zu lassen, entschied man sich gemeinsam für eine Zusammenarbeit mit dem ORF. Zum 20. Jahrestag der Selbstbefreiung habe es Medienanfragen aus aller Welt gegeben. "Die Angst", dass Kampuschs Zustand dann "unreflektiert" und reißerisch in fremden Händen landet, war demnach der entscheidende Grund für diesen Schritt.

Fünf Untersuchungen - und immer dasselbe Ergebnis

Um zu verstehen, wie es zu diesem Zusammenbruch kommen konnte, lohnt ein Blick auf das, was Natascha Kampusch in den Jahren nach ihrer Befreiung 2006 durchmachen musste. Doku-Macher Christoph Feurstein war der erste Journalist überhaupt, der nach ihrer Flucht aus der Gefangenschaft mit ihr sprach - in einem Interview, das um die Welt ging. 2016 sprach er erneut mit ihr anlässlich des zehnten Jahrestags.

Doch anstatt Unterstützung zu erfahren, sah sich Kampusch rasch mit etwas konfrontiert, das kaum fassbar ist: Zweifel an ihrer eigenen Geschichte. Hochrangige Staatsvertreter stempelten sie "als Lügnerin" ab. Der Fall wurde auf ihr Betreiben hin fünfmal untersucht, sogar unter Mitwirkung des deutschen Bundeskriminalamts BKA und des US-amerikanischen FBI. Das Ergebnis war jedes Mal identisch: "Natascha Kampusch sagt die Wahrheit", fasst der ORF zusammen.

Überforderte Medizin, ratlose Familie

Psychiater Ernst Berger, der Kampusch seit Jahren begleitet, äußert sich in der Dokumentation zur aktuellen Situation. Er zieht eine direkte Parallele zur Situation unmittelbar nach der Befreiung: "So wie wir damals die Entscheidung getroffen haben als Betreuerteam, wir wollen mit Ihnen kooperieren, so sehe ich die Situation jetzt auch." Zugleich warnt er davor, dass andere Medien den Fall aus einer ganz anderen, weniger verantwortungsvollen Perspektive aufgreifen könnten.

Die Dokumentation zeigt laut ORF auch, wie überfordert selbst die Medizin mit der 38-Jährigen ist. Erstmals nehmen Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen Stellung zu dem, was sie über die Jahre miterlebt haben.

Sie versuchte "ein normales Leben" zu führen

Anlässlich einer Buchveröffentlichung erzählte Natascha Kampusch der "Bild am Sonntag" Ende November 2022 in einem Interview, dass sie seit der Flucht versuche, "ein normales Leben" zu führen. Das Buch "Stärke zeigen: Bewältigungsstrategien für ein kraftvolles Leben" erschien zeitgleich im Dachbuch Verlag. Unter anderem geht es darum, woher sie die Kraft nimmt, "das Erlebte zu bewältigen" und wie sie es schafft, "trotz der Vergangenheit glücklich zu sein".

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