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"Falscher Bekenner": Lügen und Leiden

Langeweile und fehlende Perspektiven - so sieht das Leben des 18-jährigen Armin nach der Mittleren Reife aus. Doch mit einem anonymen Brief erregt er endlich ein wenig Aufmerksamkeit - allerdings auch die der Polizei.

Von Carsten Heidböhmer

Deutschland im Jahr 2006. Zukunftsangst liegt über dem Land, die Furcht vor drohender Arbeitslosigkeit lähmt viele Menschen. Besonders Jugendliche, die sich ihren Platz in der Berufswelt erst noch erkämpfen müssen, haben unter dieser Situation zu leiden.

Welche Spuren diese Situation auf der Seele dieser jungen Menschen hinterlässt, zeigt der Film am Beispiel von Armin (Constantin von Jascheroff). Der Junge hat gerade seine Mittlere Reife abgeschlossen und sucht nun eine Stelle. Das heißt: Er wird dazu genötigt, eine Stelle suchen. Von seinen Eltern. Von seinem Bruder. Und vom Arbeitsamt. Doch eigentlich ist der 18-Jährige mehr auf der Suche nach sich selbst und seinem Platz in dieser Welt.

Nachts streift Armin durch die Gegend. Als er an der Autobahn Zeuge eines tödlichen Unfalls wird, klaut er ein Teil des zerstörten Sportwagens und schreibt zu Hause einen anonymen Bekennerbrief, in dem er den Unfall als "Sabotageakt" darstellt. Das Schreiben sorgt für viel Wirbel bei Presse und Polizei - und Armin stellt fest, dass er tatsächlich etwas bewirken kann.

"Eine Bewerbung pro Tag"

Sein sonstiges Leben steht ganz im Gegensatz dazu: Dort scheint ihn niemand richtig wahrzunehmen. Armin hängt viel in seinem spießigen Elternhaus rum, hat wenige Freunde. Auch von seiner Familie wird er nicht ernst genommen. Der Vater (Manfred Zapatka) trietzt ihn, sich um eine Lehrstelle zu bewerben, "eine Bewerbung pro Tag". Seine Mutter (Victoria Trautmannsdorff) erdrückt den Jungen hingegen mit ihrer lieb gemeinten Fürsorge. Seine Vorstellungsgespräche sind eine einzige Demütigung, gleichzeitig zeigen sie Achim, wie absurd die Welt ist, in der er keinen rechten Platz finden will. Und nach jedem Bewerbungsgespräch muss er sich den besorgten Fragen der Eltern stellen: Wie ist es gelaufen?

Es ist regelrecht bedrückend, wie Regisseur Christoph Hochhäusler das Leben des 18-Jährigen porträtiert, der mit den Anforderungen seiner Umwelt nicht klar kommt, dem alles um ihn herum fremd bleibt. Ständig wird Achim mit den Wünschen der anderen konfrontiert, doch er kann ihnen einfach nicht entsprechen. So baut er sich schließlich seine eigene Welt zusammen. Auch die sexuelle Orientierung des Jungen bleibt verschwommen: Der "falsche Bekenner" hat sich in ein Mädchen aus der Nachbarschaft verliebt. Gleichzeitig wird er von Fantasien heimgesucht, dass er von einer Motorrad-Gang in schweren Lederjacken vergewaltigt wird.

Auf eigenes Risiko produziert

Regisseur Christoph Hochhäusler hat diese beklemmende Zustandsbeschreibung der aktuellen Stimmung in Deutschland unter hohen persönlichen Risiken weitgehend ohne Fördergelder oder Senderbeteiligungen produziert. Doch die geringen Produktionskosten gereichen "Falscher Bekenner" keineswegs zum Nachteil. Vielmehr wird die Geschichte so auf das Wesentliche reduziert, der Film gewinnt an Authentizität.

Durch diese nackte Gegenwartsstudie steht das Werk 33 Jahre alten Münchner in der Tradition Rainer Werner Fassbinders, der die bundesrepublikanische Nachkriegsbefindlichkeit wie kein Zweiter auf Leinwand bannte. Und er bestätigt die schon auf der Berlinale zu beobachtende Tendenz: Deutsche Filmemacher interessieren sich wieder für die Realität. Dass dies durchaus schmerzhaft sein kann, zeigt "Falscher Bekenner" eindringlich.