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"Gegen die Wand": "That's it, basta"

Regisseur Fatih Akin und Schauspieler Birol Ünel über ihren Film "Gegen die Wand", Porno-Schlagzeilen, Rassismus und vergoldete Scheiße.

BIROL ÜNEL (zur Kellnerin): Bringst du mir noch 'n Bier? Aber ein alkoholfreies. Sonst heißt es wieder, ich bin besoffen.

Beinahe täglich titeln Boulevard-Blätter mit neuen "Enthüllungen" über die Darsteller von "Gegen die Wand". Genervt?

FATIH AKIN: Der Film wird dafür sorgen, den Blickwinkel zu verschieben. Ich wünsche mir, dass es zu einem Aha-Effekt kommt, dass Sibel mit ihrem Spiel überzeugt und Birol wieder stärker in den Vordergrund rückt.
ÜNEL: Man sollte Sibel endlich in Ruhe lassen, sie hat ihre Arbeit wunderbar getan und ist ein ganz großes Talent. Sie wird sich mit Sicherheit in den nächsten Jahren profilieren und that's it, basta. Wer sich einen runterholen will - dafür gibt's einschlägige Orte.

Unabhängig von dem Schaden für Sibel Kekilli: Ist der Wirbel - zynisch gesagt - nicht die beste Werbung für den Film?

AKIN: Unser kleiner, schmutziger Independent-Film hat diese Form der Reklame nicht verdient. Niemand hat uns gefragt, ob wir das wollen. Wir hätten mit Sicherheit nein gesagt. Zumal da eine Kampagne hinter steckt, was mir aber erst jetzt klar geworden ist. Das Ziel ist Rassismus. Das war ganz eindeutig bei der Birol-Geschichte in der "Bild"-Zeitung. Das ist doch Volksverhetzung. Toll für Leute, die in ihrem Rassismus bestärkt werden. Franz Josef Wagner schreibt in "Bild" über "drahtige Haare" und "olivenfarbene Haut", das hat einen ganz komischen Beigeschmack. Das fühlt sich nicht gut an.
ÜNEL: Ich finde es ja schön, wenn man mich "zärtlicher Rebell" nennt, das hat was Poetisches. Aber um das mal klarzustellen: Ich war in den 80er Jahren Autonomer. Ich habe damals in Hannover alles mögliche gegen rechte Gruppen wie die FAP gemacht. Dazu stehe ich. Das ist für mich auch Zivilcourage. Ich habe dem Obermacker der FAP aufs Maul gehauen und wurde verurteilt auf Bewährung.
AKIN: Und so stehen wir halt voll in der Tradition unseres Außenministers, der für uns ein gutes Vorbild ist.

Birol, nach über 60 Film- und TV-Auftritten haben Sie tatsächlich den Ruf, schwierig zu sein.

ÜNEL: Bitte nehmt mir nicht meinen schlechten Ruf! Sonst verhungere ich noch. Ich weiß aus Äußerungen von Produzenten und Regisseuren, dass es wirklich so etwas wie eine "schwarze Liste" gibt, auf der ich draufstehen soll. Allein das ist ja schon scheiße, dass das so rumgeht. Bei den 60 Filmen habe ich ja mindestens 50 Produktionsleiter getötet, ich habe den ganzen Keller voll mit Leichen von Produktionsleitern (lacht). Ich finde das gar nicht schlimm. Ich versuche halt, Scheiße zu vergolden, aber Scheiße fressen tu ich nicht. Darauf müssen sich die Regisseure einlassen.

"Gegen die Wand" bedeutete für Sie vollen Körpereinsatz - nicht nur wegen der Sexszenen.

ÜNEL: Am schwierigsten war, meinen Alkoholismus zu bekämpfen, während ich einen Alkoholiker spielen musste. Ich hab mir ein Limit gestellt von zwei bis fünf Bier pro Tag, damit ich nicht vollkommen auf Turkey komme. Es war sehr, sehr schwierig, gleichzeitig zu entziehen und all das wieder zu beleben, was man eine Zeit lang selber durchgemacht hat. Das war ein Ping-Pong-Spiel. Wenn welche sagten, "ach, der ist wieder besoffen", war das ein großes Kompliment, denn ich war eben nicht besoffen.

War es für Sie am Anfang Ihrer Karriere ein Problem, immer nur den Türken vom Dienst spielen zu müssen?

ÜNEL: Halb, halb. Was mich geärgert hat, war, dass mich nach der Ausbildung eine große Agentur als "deutschsprachigen" Jungschauspieler in die Ausländerkartei gepackt hat. Dagegen bin ich Sturm gelaufen. Da fing die Diskriminierung doch an. Ich hab kein Problem damit, eine Rolle zu spielen, die Mustafa heißt oder Jussuf - mein Vater heißt Jussuf. Mir geht's um die Geschichte, nicht um die Herkunft der Figur.

War von Anfang an geplant, dass ein Laie die weibliche Hauptrolle in "Gegen die Wand" spielen soll?

AKIN: Nein. Es war nur schnell klar, dass wir keine professionelle Schauspielerin finden. Es geht ja um die Geschichte einer jungen Frau, also war der Altersunterschied zu Birol wichtig. Es gibt kaum deutsch-türkische Schauspielerinnen Anfang zwanzig. Und die, die es gab, wollten sich nicht ausziehen. Also haben wir angefangen, auf der Straße zu suchen.
ÜNEL: Ich war am Anfang nicht sehr begeistert. Aber Sibel war eine ganz große Überraschung.
AKIN: Sie hat eine sehr hohe emotionale Intelligenz, die eine Grundvoraussetzung ist für jeden guten Schauspieler. Die muss von Gott gegeben sein.

Wie sind Sie am Set mit den Sexszenen umgegangen?

ÜNEL: Ganz einfach: Wenn aus dem Team einer gesagt hat, jetzt machen wir eine Fickszene, habe ich gesagt, nee, wir machen hier einen Liebesfilm, wir drehen eine Liebesszene.

Was halten Sie davon, dass Deutsche wie Türken den Goldenen Bären für "Gegen die Wand" für sich beanspruchen?

AKIN: "Gegen die Wand" ist kein türkischer Film. Wir sind Künstler, wir machen unser Ding, wir machen es in Deutschland. Und wir freuen uns, wenn sich ein anderes Land mitfreut. Aber das ist nicht unsere Motivation. Deutscher Film mit einer türkischen Seele? Vielleicht. Das ist aber auch nur 'ne Floskel.
ÜNEL: Du kannst es niemandem recht machen. Nach der ersten Vorstellung kam einer auf mich zu und sagte: Ich will ja nichts sagen, Dicker, du warst voll krass. Aber warum heißt du eigentlich Cahit, du bist doch deutsch?

Inzwischen scheint es cool, türkisch zu sein. Siehe Kaya Yanar oder Erkan & Stefan.

AKIN: Stimmt. Aber wir orientieren uns nicht an einem Trend, sondern machen das, was wir schon immer gemacht haben. Wir sind Teil einer Bewegung, zu der Kaya Yanar gehört, Feridun Zaimoglu oder auch Kool Savas. Die sind nun mal da und drücken sich aus. Man darf sich von diesem "Hip-Sein" nicht ablenken lassen.

Und dennoch werden Sie jetzt wahrscheinlich dauernd zum Thema EU-Beitritt, Kopftuch-Debatte etcetera befragt.

AKIN: Der EU-Beitritt ist mir natürlich nicht egal. Aber ich versuche nicht, mit meiner Arbeit eine Position dazu zu beziehen. Wenn ich persönlich gefragt werde, gebe ich halt meinen Senf dazu. Das Ganze ist aber sehr heikel. Die Leute zwingen dir eine Bürde auf, der du nicht gewachsen bist. Das belastet mich, das macht mich nicht frei als Künstler. Ich muss mir fünfmal überlegen, was ich sage, damit das nicht missinterpretiert wird.
ÜNEL: Na ja, dieser Kaputnik, den ich da gespielt habe, ist ja nun nicht gerade ein positives Argument für den EU-Eintritt der Türkei. Und ich bin nun mal nicht der Vorzeigetürke. Aber ich finde schon, dass die Türkei reif ist für die EU. Weil sie kein Auswanderungsland mehr ist. Im Gegenteil: Viele aus meiner Generation gehen wieder zurück. Die Türkei muss keine Almosen mehr annehmen. Sie kann große Geschenke machen.

Anke Kapels/ Matthias Schmidt / print
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