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Kolumne

Hells Angel: Fatih, der Frauenflüsterer

Fatih Akin ist ein Frauenflüsterer par excellence. Nach Sibel Kekilli pushte er nun auch Diane Kruger zu Höchstleistungen. Der Lohn könnte bald ein Oscar sein.

"Fatih, mein Bruder, ich danke dir, dass du mir vertraut hast."

"Fatih, mein Bruder, ich danke dir, dass du mir vertraut hast."

Manchmal, wenn ich Glück habe, treffe ich meinen Lieblingsregisseur Fatih Akin auf Hamburgs Straßen. Offenbar liegen unsere Wohnungen nah beieinander. Ein Gefühl, als würde man unverhofft einem Einhorn begegnen. Wow! Magisch! Denn spätestens seit "Gegen die Wand" verehre ich Fatih Akin als cineastisches Genie. 

"Moin, Fatih! Alles cool, Digga? Erzähl, woran arbeitest du gerade?", würde ich in solchen Momenten gerne zu ihm sagen und ihm anerkennend auf die Schulter klopfen. "Krass, dein neuer Film. Hat mich zutiefst berührt." Aber das lasse ich natürlich lieber sein. Ich will ihn ja nicht nerven. Freundlich anlächeln geht aber. Dann lächelt er auch immer zurück.

Fatih Akin - der Entdecker von Frauen

Ohnehin geht Fatih Akin mit sehr wachen Augen durch die Welt. Er achtet auf die Menschen um ihn herum. Immer auf der Suche nach Inspiration. So wurde etwa seine bisher größte Entdeckung, Sibel Kekilli, für "Gegen die Wand" ganz pragmatisch von der Straße weg gecastet. Eine Türkin, die Pornos drehte und mit ihrem damaligen Freund einen Stripclub betrieb. "Ich war total fasziniert von dem Gedanken", sagte Fatih Akin einmal. "Was sind denn das für Türkinnen die Pornos drehen?" Er schreibt für sie einen der berühmtesten Sätze der Filmgeschichte: "Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken! Und nicht nur mit einem Typen." Danach spielte Sibel Kekilli u.a. im US-Serien-Kracher "Game of Thrones" und wurde "Tatort"-Kommissarin. Bäm!

So ähnlich lief es auch mit Anna Bederke, die Fatih Akin von der Hochschule für Bildende Künste kannte. Sie studierte dort Film. Akin schrieb ihr ungefragt die hinreißende Rolle der trinkfesten Kellnerin Lucia auf den Leib. Für seinen Film "Soul Kitchen". "Du bist meine Muse", sagte er zu ihr und fragte: "Kannst du eigentlich spielen?" Tja, eigentlich nicht. Als das Casting anstand, war Anna Bederke noch verkatert, wollte gar nicht kommen. Aber Akin schickte ihr einen Wagen, ließ keine Wahl. Heute ist die Hamburgerin ein Star. 

Angetrunkener Kontakt

Diese Woche ist nun Fatih Akins NSU-Drama "Aus dem Nichts" im Kino angelaufen. Das ganze Land ist heiß auf den Streifen, der für Deutschland ins Rennen um einen Oscar geht. Diane Kruger spielt darin eine Mutter, die bei einem rechtsextremen Anschlag Mann und Kind verliert. Bisher zählte die gebürtige Niedersächsin, die vor dreizehn Jahren mit "Troja" ihren Durchbruch in Hollywood feierte, eher in die Kategorie "hübsch, aber farblos, irgendwie langweilig".

Zu Unrecht, wie wir jetzt wissen– dank Fatih Akin! Diesmal jedoch war sie es, die auf IHN zukam. Vielleicht, weil sie geahnt hat, dass er ihr helfen kann, zu ihrer wahren Größe zu finden?

"Ich bin in Cannes angetrunken auf seine Party gegangen und habe ihn gefragt, ob ich mal etwas mit ihm drehen kann", verriet Kruger gerade in der NDR Talkshow. "Das hat viel Mut erfordert." Fünf Jahren später – wieder in Cannes – wird sie für ihre Leistung in "Aus dem Nichts" als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Die Rolle ihres Lebens hatte Akin für sie geschrieben.

"Fatih, mein Bruder, ich danke dir, dass du mir vertraut hast", rief Diane Kruger bei ihrer Dankesrede. "Ich habe nicht gewusst, dass das in mir steckt." Auf dem roten Teppich küsste sie ihn vor der versammelten Presse. Alle waren berührt von der innigen Beziehung zwischen Hauptdarstellerin und Regisseur. Jetzt fehlt halt nur noch der Oscar für Hamburg, wo Akin lebt und der Film gedreht wurde. "Ich bin nichts weiter als ein Teil von Euch. Ich entspringe dieser Stadt", hat er mal über seine Heimat gesagt. Unser aller Lieblingsnachbar. 

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