HOME

"Harry Potter und der Halbblutprinz": Vom Zauberstreber zu Dirty Harry

Mit "Harry Potter und der Halbblutprinz" kommt der sechste Film aus der Erfolgsreihe in die Kinos. Harry kämpft weiter der finalen Schlacht mit Erzfeind Voldemort entgegen, wird allerdings diesmal von unkontrollierbaren Hormonwallungen geplagt. Es ist der Anfang vom Ende.

Von Sophie Albers

Da ist er wieder. Wurde aber auch Zeit. Nach zwei Jahren, die sich viel länger anfühlen, kehrt Harry Potter auf die Leinwand zurück. Mit aller Macht, diesmal vor allem der dunklen. In "Harry Potter und der Halbblutprinz" gewinnt die Abwärtsspirale der Schicksalsgeschichte über den Zauberschüler mit der runden Brille und der blitzförmigen Narbe auf der Stirn noch mal ordentlich an Geschwindigkeit. Der sechste Film ist ein Zwischenakt, und gerade das macht ihn so dramatisch. Macht er doch klar, dass als Nächstes das wie immer geartete Ende kommt. Dabei haben wir uns schon so an Harry gewöhnt. Knapp 4,5 Milliarden Dollar haben seine bisherigen fünf Filme weltweit eingespielt.

Ganz am Anfang, vor zwölf Jahren, war das Kinderbuch aus England ein Geheimtipp. Dann wurden es mehr Bücher und ein Hype, der mit jedem Band über Ländergrenzen hinweg anschwoll. Mittlerweile sind es mehr als 400 Millionen verkaufte Bände. Als ab 2001 die Filme in die Kinos kamen, hatten die "Harry Potter"-Helden plötzlich Gesichter, denen wir seitdem beim Älterwerden zugucken können. Unsere ganz reale Showbiz-"Truman Show". Denn das Leben unter dem Öffentlichkeitsmikroskop ist für Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint erst dann vorbei, wenn sie die letzte Potter-Premiere hinter sich gebracht haben. 2010 und 2011 soll "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" die Verfilmung von JK Rowlings siebenteiliger Zauberer-Saga ein für alle Mal abschließen. Als Doppelpack, damit Harry noch ein bisschen länger bleibt.

Risse im Schutzwall von Hogwarts

Trotzdem fühlt sich "Harry Potter und der Halbblutprinz" an wie der letzte Tag vor Urlaubsende: Weil man weiß, dass morgen alles vorbei sein wird, ist auch schon heute die Sorglosigkeit dahin. Da passt die große Düsternis, die über dem vorletzten "Harry Potter" liegt, ganz wunderbar zur eigenen Melancholie. Zerstörung, wo man hinblickt. Von Krisen ganz zu schweigen.

Die dunklen Wolken an Potters Horizont kennen wir ja schon aus Film fünf. Herausgekrochen kamen damals die Dementoren und Todesser, Harry gründete in Hogwarts die Dumbledore-Armee, Sirius starb, unser Held überlebte knapp einen Angriff Voldemorts und musste erfahren, wie eng seine Verbindung zu seinem Erzfeind tatsächlich ist.

Auch diesmal schießen schwarze Unholde aus den dunklen Massen, die sich über London wälzen. Vom ersten Bild an ist klar, dass zweieinhalb ziemlich düstere Stunden vor dem Zuschauer liegen. Niedlich ist schon lange vorbei. Die Todesser werden immer dreister, und die einst so sichere Festung Hogwarts bekommt deutliche Risse im Schutzwall. Im strapaziös-komplizierten Kampf gegen Voldemort nimmt der weißbärtige Dumbledore Harry ein weiteres Mal zur Seite, um ihm noch mehr Verantwortung aufzuladen. Und der miesepetrige Lehrer Severus Snape treibt weiterhin ein verwirrendes Spiel mit den Erwartungen - bis zum bitteren Ende.

Verwirrende Zuneigung

Snape-Darsteller Alan Rickman ist in seiner schnippischen Spitzmündigkeit auch diesmal das schauspielerische Highlight. Aber auch die verrückte Hippiehexe Luna Lovegood (Evanna Lynch) lässt großes Potenzial erkennen. Am meisten Spaß hat allerdings Rotschopf Rupert Grint. Als Harry Potters bester und tolpatschiger Freund Ron Weasley stolpert er am überzeugendsten in die Hormonfallen der aufkeimenden Teenagerliebe, die in Teil sechs die Attacken des Bösen ganz vortrefflich kontrastiert. Denn: Jeder seiner zum Teil wirklich verdammt gruseligen Szenen hat Regisseur David Yates ein befreiendes Gefühlsdesaster gegenübergestellt. Gerade als die Kinder im Unterscheidungskampf zwischen Gut und Böse sehr schnell erwachsen werden, kommt die verwirrende Zuneigung und macht alle Rationalität zunichte. Es ist beruhigend zu sehen, dass selbst die vernunftgestählte Hermine eine butterweiche Seite hat.

Der Zuschauer, als Allwissender häufig in die Elternrolle gedrückt, fragt sich allerdings schon, ob die Kinder denn nun wirklich so wild rumknutschen müssen. Aber das gehört eben auch zum Erwachsenwerden dazu: das Loslassenkönnen. Und wir haben ja immerhin noch zwei Jahre, bis Harry endgültig auszieht.