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"Herr Wichmann aus der dritten Reihe" im Kino: Keine Angst vor harten Nüssen

Für Herrn Wichmann ist kein Problem zu banal. Im neuen Film von Andreas Dresen zeigt der Brandenburger CDU-Landtagsabgeordnete live und ungeschminkt: Politikeralltag spielt sich an der Basis ab.

Kinotrailer: "Herr Wichmann aus der dritten Reihe"

Ohne mit der Wimper zu zucken, löffelt der Brandenburger Landtagsabgeordnete Henryk Wichmann tapfer Torte und hört den Tiraden der rüstigen Rentnerinnen zu. "Wer als Hartz-IV-Empfänger qualmt, dem wird das Geld gestrichen", fordert eine flotte Seniorin in der Uckermark. In dem neuen Dokumentarfilm von Andreas Dresen "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" begleitet die Kamera den 35-Jährigen ein Jahr lang dorthin, wo das echte Leben spielt, ganz ohne Weichzeichner oder Drehbuch.

Der Filmemacher Dresen ("Halbe Treppe", "Sommer vorm Balkon", "Wolke 9", "Halt auf freier Strecke") lässt die Zuschauer zum zweiten Mal am Leben seines Protagonisten teilnehmen. 2003 zeigte er in "Herr Wichmann von der CDU" den erfolglosen Kampf des Brandenburgers um ein Bundestagsmandat. Als der dann 2009 durch eine glückliche Fügung in den Landtag nachrückte, kam Dresen die Idee für eine Fortsetzung. Auch diesmal wurde ohne Regieanweisung gedreht. Dresen hielt Distanz und blieb im Hintergrund. Ins Geschehen habe der Filmemacher nicht eingegriffen, bestätigte Wichmann.

"Es geht um einen, der sich an der Basis abrackert, gerade in Zeiten, wo schnell sehr schlichte Klischees über Politiker bei der Hand sind", beschreibt Dresen seinen Ansatz. Man merkt, sein Held ist ihm sympathisch. Wichmann hatte kein Problem mit einer Fortsetzung. "Ich bin offen, gehe gern auf Menschen zu", sagte er. Die Kameraleute Andreas Höfer und Michael Hammon konnten dem Vater von drei Kindern kaum folgen, so hetzt der in der Provinz von Termin zu Termin.

Absurd, komisch, spannend

Ruhig hört Wichmann zu, wenn sich Menschen mit ihren Anliegen an ihn wenden. Da ist es egal, ob jemand in höchsten Tönen die Vorzüge des Kneippens preist und regelmäßiges Zähneputzen fordert oder ein Unternehmer die schlechten Mathekenntnisse seiner Lehrlinge beklagt. Manches scheint absurd und komisch - so wenn ein Zug am Bahnhof hält, sich dort aber nicht die Türen öffnen dürfen. An anderer Stelle erstarrt man vor Spannung, wenn Wichmann sich für einen Hartz-IV-Empfänger engagiert. Mitbewohner wollen den Mann aus dem Mietshaus graulen.

Der Landtagsabgeordnete hat keine Angst vor harten Nüssen: weder vor Beamten in der Verwaltung, die Mittagspause haben, noch vor Umweltschützern, die gegen einen Radweg sind, weil ein Schreiadler in der Nähe nistet. Er wirkt sympathisch, und man glaubt ihm seine Freundlichkeit.

Im Landtag sitzt Wichmann in der dritten Reihe. Dresen verpasste seinem Helden ein Mikro und zu hören sind so Innenansichten aus dem Parlament: Tuscheleien mit dem Nachbarn um eine Autoreparatur oder ein wütender Kommentar zu der Rede eines Abgeordneten. Einmal wird auch Konfekt genascht.

"Herr Wichmann aus Bellevue"

Dresen räumt ein, auch etwas über parlamentarische Arbeit gelernt zu haben. Sein "Drehbuch" war Wichmanns Terminkalender. Was vor Ort dann passierte, war nie vorherzusehen. Rund 100 Stunden wurden gefilmt, zusammengeschnitten zu 90 Minuten fürs Kino, ohne Kommentar, nur mit O-Tönen. Wichmann hätte jeweils 24 Sunden nach einer Szene sein Veto einlegen können - passierte aber nicht.

Der Politiker genießt die Popularität als Leinwandheld. "Vor der Kamera bin ich nicht anders als sonst", sagt Wichmann, der auch gerne mal Autogramme gibt. Dresen scherzte bei der Filmpremiere auf der Berlinale, dass eine Trilogie vorstellbar sei: "Herr Wichmann aus Bellevue". Da lächelte sein Held nur still.

Gudrun Janicke, DPA / DPA