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TV-Tipp 24.10.: "Herr Wichmann von der CDU" Männlich, peinlich, jung sucht ... Bundestagsmandat


Er ist der einzige Uckermärker, dem gleich zwei Dokumentarfilme gewidmet sind: Henryk Wichmann, CDU. Der erste zeigt seinen tragikkomischen Wahlkampf 2002 in der Provinz. Unser TV-Tipp des Tages.

"Herr Wichmann von der CDU" 20.15 Uhr, ARD Alpha
DOKU

Wer diese Dokumentation sieht, zweifelt jede Sekunde, ob Henryk Wichmann, dieser junge Streber, Jurastudent und Bundestagsaspirant, wirklich existiert. Ob er ein echter Mensch ist. Oder eine hinreißend gespielte Figur. Zu rückstandsfrei scheint Wichmann im Klischee eines konservativen Jungpolitikers aufzugehen. Mercedes C-Klasse, Unterhemd zum Polo-Shirt und piefige Sprüche über Grüne, Frauen und Ausländer. "Ach, jetzt kommense wieder angelatscht. Und so laut", motzt er, als beim Dreh seines Wahlwerbespots zwei Frauen am Set vorbeilaufen. "Schlürf, schlürf. Füße heben!" Das jagt einem Schauer des Fremdschämens über den Rücken.

Aber ja: Es gibt ihn wirklich. Wichmann hat im Bundestagswahlkampf 2002, als ihn der vielfach preisgekrönte Regisseur Andreas Dresen ("Wolke 9") durch die ostdeutsche Provinz begleitete, nichts gewonnen. Inzwischen aber sitzt er als Abgeordneter im Brandenburger Landtag, leitet den Rechtsausschuss und ist Mitglied im Innenausschuss. Seine Frau, während der Dreharbeiten erstmals schwanger, hat unterdessen vier Töchter zur Welt gebracht. Und Wichmann hat geschafft, wovon er immer geträumt hat: Er hat seinen Wahlkreis direkt gewonnen, Linke und SPD besiegt. Aus dem unfreiwillig komischen Loser, der er noch zu Zeiten der Dreharbeiten war, ist ein solider Politiker geworden, der wegen seiner Bodenständigkeit geschätzt wird. Dresen hat dem älteren Wichmann später einen zweiten Dokumentarfilm gewidmet. Titel: "Herr Wichmann aus der dritten Reihe".

"Der Rest ist dann wie immer: blabla."

Dresens erste Doku, "Herr Wichmann von der CDU", die ARD alpha heute Abend um 20.15 Uhr ausstrahlt, ist eine herrlich lakonische Studie über Mühen der Ebene. Wichmann tingelt während seines Wahlkampfes mit seinem CDU-Sonnenschirm durchs Land, mal wehen ihm die Prospekte weg, mal sind seine Plakate beschmiert, meist kommt kein sinnstiftendes Gespräch mit Passanten zustande. "Wennse nüscht wollen, aber nen Kugelschreiber wollense. Is auch herrlich", stöhnt Wichmann in einer stillen Minute.

Seine größte Niederlage erlebt er, als er eine Wahlkampfkundgebung mit Jürgen Rüttgers abhalten will, der aber nie eintrifft. Dafür schaut die junge Angela Merkel vorbei, sie ist in Templin aufgewachsen, das in Wichmanns Wahlkreis liegt. Merkel war damals nur CDU-Vorsitzende, die Kanzlerkandidatur musste sie ihrem bayerischen Rivalen Edmund Stoiber überlassen. Sie lobt den "jungen Mann" mit ein paar warmen Worten, nickt ihm freundlich zu, dann ist sie auch schon wieder weg. Zuvor sehen wir Wichmann mit Parteifreunden an einem Biertisch sitzen, er geht nochmal seine Rede durch, beschreibt seine geplanten Attacken auf den SPD-Konkurrenten Markus Meckel und sagt: "Der Rest ist dann wie immer: blabla."

Dresen lässt diese Szenen einfach kommentarlos durchlaufen, der Film müht sich nicht einmal, Personen, Orte und Zeiten kenntlich zu machen. Das funktioniert, weil Wichmann selbst große Unterhaltung ist, so dreist, so piefig und so ehrlich, wie er ist. Manchmal, aber nur selten, fallen ein paar Stichworte aus der großen Politik. Rot-Grün, Stoiber gegen Schröder, Hochwasser, Irak-Krieg und Arbeitslosigkeit. Das hat heute, ein Dutzend Jahre später, seinen eigenen Reiz: "Herr Wichmann von der CDU" ist Politikgeschichte von unten. Guckbefehl!

Ein TV-Tipp von Lutz Kinkel, stellvertretender Leiter des Berliner stern-Büros


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Die Verachtung"
22.15 Uhr, Servus TV
DRAMA Godards vielleicht zugänglichster Film ist Liebesdrama, Meditation übers Filmemachen und Hommage an Brigitte Bardot in einem. Als gelangweilter Schwan wohnt sie auf Capri den Hahnenkämpfen dreier Egomanen (Michel Piccoli, Jack Palance, Fritz Lang) bei. War schon einmal TV-Tipp hier - und lohnt sich immer wieder. (bis 0.25)

"Das Glück beim Tanzen"
20.15 Uhr, SWR/SR

DRAMA Zwei Hip-Hop-Fans aus der französischen Provinz träumen von der großen Karriere. Ins Stolpern geraten die Freunde erst, als eine Tanzkompanie sie zur Aufnahmeprüfung nach Paris einlädt... Leichtfüßige Dramödie über gelebte und ungelebte Lebensträume. (bis 21.45)


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