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"Howl"-Kinostart Skandalgedicht auf Zelluloid

Einen Film über ein Gedicht zu drehen, und sei es von einem Vertreter der Beat Generation, mag befremdlich oder allzu intellektuell anmuten. Was aber Robert Epstein und Jeffrey Friedman mit "Howl" geschaffen haben, ist ein großartiger, poetischer Film über ein Lebensgefühl, den man nicht sieht, sondern mit allen Sinnen erlebt.
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In Zeiten, wo nacktes Fleisch, grobe Gewalt und ausufernder Sex auf Bühnen und Leinwänden zur Normalität geworden sind, scheint es absurd, dass vor gut 50 Jahren ein Gedicht über Homosexualität, Rausch und ein neues Lebensgefühl die Justiz auf den Plan rief. "Howl" ("Das Geheul") von Allen Ginsberg, das wohl berühmteste Gedicht der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Subkultur der Beatniks, musste 1957 vor einem Gericht gegen den Vorwurf der Obszönität verteidigt werden. Robert Epstein und Jeffrey Friedman schufen mit ihrem Film "Howl" eine hymnische und zugleich halluzinative Verteidigung dieses Werks - und damit eine Hommage an die Künstler der Beat Generation, die sich in ihrer Literatur gegen den gesellschaftlichen Konformismus der Zeit lehnten.

Die beiden Filmemacher nähern sich "Howl" auf vier Ebenen: In einem rauchigen Buchladen in San Francisco, der kaum von einem Jazz- Club zu unterscheiden ist, trägt Ginsberg im Herbst 1955 sein Gedicht "Howl" vor. Die rhythmischen Verse und Ginsbergs teils ekstatische Performance kommen der Improvisation des Jazz nahe. Die Enge des Raumes, der Qualm in der Luft und dazu die eindringliche Stimme des großartigen Hauptdarstellers James Franco, und das alles in Schwarz-Weiß, machen die Atmosphäre geradezu spürbar.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die klaren, sauberen Bilder aus dem Gerichtssaal. Denn zwei Jahre später müssen sich der Dichter und sein Verleger vor Gericht verantworten. Staatsanwaltschaft und Gesellschaft stoßen sich an den vulgären Worten, dem Text, der die Homosexualität, den Sex und die Bewusstseinserweiterung durch Drogen feiert. Literaturwissenschaftler werden geladen, um über den literarischen Wert des Gedichts zu befinden.

Auf der dritten Ebene nähert sich der Film Ginsberg während eines Interviews, bei dem man den Journalisten niemals zu Gesicht bekommt. Der Dichter selbst und seine Worte sind alles, was der Zuschauer sieht und hört und dabei ihm und dem Gedicht nahe kommt. Die vierte Ebene visualisiert das halluzinative, rhythmische Gedicht in einem Animationsfilm.

Allen Ginsbergs bewegtes Leben (1926-1997) mit dem frühen homosexuellen Outing, den häufigen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, den vielen unglücklichen Lieben und seine Nähe zu populären Ikonen der Beat Generation wie Jack Kerouac böte ausreichend Stoff für ein schillerndes Künstlerporträt. Doch dieser Versuchung widerstehen die beiden Filmemacher, die sich bisher vor allem als Dokumentarfilmer ein internationales Renommee verschafft haben und schon die Oscar-prämierte Doku "Common Threads: Stories from the Quilt" drehten.

Friedman und Epstein nähern sich dem Menschen Ginsberg über sein Gedicht. Es gelingt ihnen, den Zuschauer in den Film hineinzuziehen. Das Interview sowie Szenen aus dem Leben Ginsbergs liefern ausreichend Informationen, damit der Zuschauer die verschiedenen Ebenen zusammenbringen und sich zugleich auf die Sogwirkung einlassen kann. Er riecht den Qualm, spürt das Hämmern auf den Schreibmaschinen-Tasten, empfindet den Rausch der Wörter ebenso wie die Verzweiflung dieses Menschen, der gegen die Konventionen aufbegehrt.

Man muss sich auf diesen Film, der im Wettbewerb der Berlinale 2010 lief, einlassen. Insbesondere die animierten Szenen erfordern ein wenig Vorstellungskraft und Sinn für Skurriles. Auch rudimentäre Kenntnisse über die Beat Generation sind durchaus hilfreich. Dann aber ist diese wunderbare Hommage an den scheuen Allen Ginsberg eine wunderbare Mischung aus Biografie und Werkadaption, die zu einer Hymne auf die Freiheit des Wortes und des Individuums verschmilzt.

Britta Schmeis, DPA DPA

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