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"Kleine, wahre Lügen" im Kino: Lieben und Leiden in einem französischen Sommer

Manchmal bedarf es eines Schocks, um die eigene Maske fallen oder zumindest bröckeln zu lassen. In dem witzigen, charmanten und zugleich todtraurigen Film "Kleine, wahre Lügen" ist es der Unfall Ludos, der das Leben einer ganzen Clique verändert.

Es ist nicht schwer, sich selbst etwas vorzumachen. Erstaunlich nur, dass man glaubt, man könne auch den engsten Freunden etwas vormachen - die gleichzeitig vorgeben, nichts zu merken, es wohlwollend und manchmal auch aus Unachtsamkeit ignorieren. Guillaume Canet erzählt in "Kleine, wahre Lügen" von solchen Freunden, die zwar glauben, dass sie auch nach dem lebensbedrohlichen Unfall ihres Freundes Ludos wie jedes Jahr gemeinsamen einen unbeschwerten Urlaub verleben können. Doch der drohende Tod des Freundes zwingt sie, sich ihren Lebenslügen zu stellen. In seiner dritten Regiearbeit stimmt Canet einen fröhlichen, sommerlich leichten Ton an, der durch die Brüche der Protagonisten mit Misstönen gespickt ist.

Kinotrailer: "Kleine wahre Lügen"

Nach einer durchfeierten Nacht verlässt Ludo im Morgengrauen einen Club, küsst vorher noch die Errungenschaft eines Freundes auf den Mund, und braust dann erstaunlich sicher auf seinem Motorroller durch die Straßen des noch schlafenden Paris'. Wie in Trance und mit schlechten Vorahnung verfolgt der Zuschauer diese Fahrt, als spürte auch er den Einfluss der Drogen und des Alkohols, mit denen sich Ludo in den vergangenen Stunden berauscht hat. An einer Kreuzung rast er in einen Lastwagen und liegt wenig später auf der Intensivstation einer Klinik - umrahmt von seinen geschockten Freunden.

Doch noch vor der Klinik beschließen die Freunde, wenn auch zögerlich, wie jedes Jahr in das Haus an der südlichen Atlantikküste des gestressten Restaurantbesitzers Max (François Cluzet) zu fahren, dann eben nur zwei Wochen, danach wird es Ludo sicher schon wieder besser gehen, reden sie sich ein. Noch vor der Abfahrt offenbart Vincent (Benoît Magimel) Max, dem Patenonkel seines Sohnes, seine homoerotischen Gefühle für ihn. Marie (Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard) versucht mit der Reise, ihren Liebhaber abzuwimmeln und irgendwie scheinen alle gestresst.

Es plätschert so dahin

Jeder einzelne dieser Clique ist verzweifelt und emotional blockiert, hat sich mit seinem Leben abgefunden ohne es noch zu hinterfragen. Jeder wahrt die Fassade und doch kennen sich die Freunde nur allzu gut, stehen dem anderen zumindest im Stillen bei, auch wenn meist jeder genug mit seinen eigenen Gefühlen und Problemen beschäftigt ist.

Vor der herrlichen Kulisse der südfranzösischen Atlantikküste, mit perlendem Weißwein in der Abendsonne, Bootsausflügen und ausgelassenen Abendessen auf der Terrasse plätschert die Geschichte so dahin, wie das Wasser unter Max Heiligtum, seinem Motorboot. Das allerdings über 154 Minuten ohne langweilig zu werden. Irgendwie sind die Szenen zu schön anzusehen, die kleinen Lügen jedem nur allzu bekannt und das tragische und traurige Ende nur allzu rührselig, als dass einem langweilig werden könnte.

Am Ende scheinen die Probleme nicht wirklich gelöst, die Fragen auch nicht wirklich beantwortet zu sein. Und doch haben diese Menschen zumindest ein wenig begriffen, was sie vielleicht an ihrem Leben ändern können, um sich nicht weiter selbst zu belügen und damit ein wenig glücklicher zu werden. Das alles klingt nach vielen Klischees und noch mehr Kitsch, ist aber dank der vielen großartigen Schauspieler, einer nur allzu menschlichen Geschichte und viel charmanten Witzes wunderschön anzusehen. Fünf Millionen Zuschauer in Frankreich dürften dafür ein Beleg sein.

Britta Schmeis, DPA / DPA
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