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"Komm näher" Ausflug in die Realität


In ihrem neuen Film erzählt Vanessa Jopp von ganz gewöhnlichen Berlinern: hart, realitätsnah - aber mit einer großen Portion Humor. Dank überzeugender Schauspieler wirkt "Komm näher" wie direkt aus dem Leben abgefilmt.
Von Carsten Heidböhmer

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm "Vergiss Amerika" aus dem Jahr 2000 hat sich Vanessa Jopp in der ersten Riege der deutschen Regisseure etabliert. Darin erzählt sie sehr realitätsnah aus dem Leben dreier Jugendliche in einer ostdeutschen Kleinstadt, deren Zukunftsträume an der tristen Realität zerschellen.

Auch in ihrem neuen, inzwischen vierten Film "Komm näher" geht es höchst lebensecht zu: Jopp erzählt darin anhand von drei miteinander verknüpften Episoden aus dem Leben einfacher Berliner Menschen. Im Gegensatz zu "Vergiss Amerika" haben die Menschen hier aber keine hoch fliegenden Träume mehr, sondern kämpfen sich desillusioniert durch den Alltag.

Gelegenheits-Jobber und junge Eltern

Da ist zum einen die Gelegenheits-Jobberin Mathilda, die sich lange Zeit mit One-Night-Stands davon ablenkt, dass sie den Polizisten Bronski (Hinnerk Schönemann) liebt. Daneben gibt es die aufstrebende Landschaftsarchitektin Ali (Stefanie Stappenbeck), verheiratet und Mutter eines kleinen Kindes. Sie ist so stark mit ihrem Beruf beschäftigt, dass ihr beruflich erfolgloser Mann (Marek Harloff) extreme Mittel anwenden muss, um auf sich aufmerksam zu machen.

Und schließlich ist da der Taxifahrer und Langzeitsingle Andi (Fritz Roth), der die allein erziehende Johanna (Heidrun Bartholomäus) über eine Kontaktanzeige kennen lernt und gleichzeitig unwissentlich mit deren pubertierender Tochter Mandy (Marie-Luise Schramm) am Telefon flirtet.

Immer wieder bricht Humor durch

Die Schicksale werden mit aller Härte und Brutalität ungeschönt in Szene gesetzt - aber nie, ohne die schönen Seiten auszublenden, die das Leben auch dann bereit hält, wenn es einem schlecht geht. So überrascht "Komm näher" immer wieder mit komischen Szenen, die verhindern, dass der Zuschauer in völlige Tristesse abrutschen.

"Ich würde mir wünschen, dass wir wieder einen humorvolleren Blick auf die Welt werfen, in der wir leben. Bei meinem Film war mir der Humor auch deshalb auch so wichtig, weil ich das Leben einfach so empfinde: Es ist schon hart, aber es gibt immer auch Momente, wo man glücklich ist, sich verliebt und auch lachen kann. Ich denke, der Zuschauer ist irgendwann gesättigt, eine dunkle oder graue Welt zu sehen, besonders wenn er in so einer Welt lebt", erläutert die Regisseurin ihr filmisches Konzept gegenüber stern.de.

Schauspieler statt Laien

Dass die Figuren so unglaublich real erscheinen, ist vor allem auch den herausragenden schauspielerischen Leistungen zu verdanken. Es kam für Vanessa Jopp aber nicht infrage, mit Laien zu arbeiten, wie dies Valeska Griesebach bei ihrem Berlinale-Beitrag "Sehnsucht" gemacht hat: "Solange ich richtig gute Schauspieler finde, die auch eine Authentizität verkörpern und diese Qualität transportieren können, ist mir das lieber."

Allgemein ist im deutschen Film derzeit ein Trend zu mehr Realitätsnähe festzustellen. Vanessa Jopp war mit "Vergiss Amerika" eine Vorreiterin dieser Welle. Weshalb plötzlich gewöhnliche Menschen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt sind, kann die Regisseurin auch nicht sagen: "Ich habe mich immer für diese Menschen interessiert, schon in meinem ersten Film. In den 80ern wurde mit den Komödien eine sehr künstliche Welt vorgegaukelt. Von daher muss ich die Frage zurückgeben: Warum hat sich damals niemand für die Realität interessiert?"

Für ihren nächsten Film nimmt sich Vanessa Jopp übrigens eine Auszeit von der harten Realität: Sie verfilmt den Jugendroman "Die Mitte der Welt" von Andreas Steinhöfel, ein Familiendrama in der Tradition von John Irving.


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