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"Le Havre" neu im Kino Märchen für mehr Menschlichkeit


Mit "Le Havre" hat der finnische Filmemacher Aki Kaurismäki wieder mal bewiesen, dass er ein Magier ist. Aus dem heiklen und todernsten Thema der illegalen Einwanderung hat er ein lakonisch-poetisches Märchen gemacht.

Wer kann pessimistische, beängstigende und störende Themen so aufarbeiten, dass sie leicht und lakonisch wirken? Aki Kaurismäki, der Meister des bissigen Humors und des ungebrochenen Optimismus. Der finnische Filmemacher hat diesmal das Kunststück vollbracht, das traurige und explosive Thema der illegalen Einwanderung in ein märchenhaftes Plädoyer für mehr Menschlichkeit zu verwandeln.

Der Film hätte auch "Calais" oder "Lampedusa" heißen können, denn er erzählt die Geschichte eines afrikanischen Migranten, der aus einem Schiffscontainer flieht und von der Polizei gesucht wird.

Schuhputzer trifft illegalen Einwanderer

Marcel Marx, ein erfolgloser Schriftsteller, verdient sich in Le Havre seinen Lebensunterhalt als Schuhputzer. Er kann sich und seine liebevolle Ehefrau Arletty nur mit viel Mühe ernähren. Dennoch ist er mit seinem Leben zufrieden. Er liebt seine Frau und führt ein ruhiges und geregeltes Dasein zwischen seinem kleinen Haus und seiner Stammkneipe.

Doch dann läuft ihm Idrissa über den Weg, ein Junge aus dem zentralafrikanischen Staat Gabun. Er ist illegal nach Frankreich eingereist und wird von den Behörden gesucht. Marcel hilft Idrissa mit Unterstützung der Nachbarn, zu seiner Mutter nach London zu fliehen. Eine Verfolgungsjagd beginnt.

Alte Telefone, eine Juke-Box, aus der Mode gekommene Autos, altmodische Dialoge und "Little Bob", der Elvis Presley von Le Havre: Kaurismäki lässt die Handlung in den 60er und 70er Jahren spielen und arbeitet mit Kontrasten und Anachronismen. Die Dialoge seiner Protagonisten sind kurz und knapp, der 54-Jährige war noch nie ein Verfechter langer Sätze. Ein Film in bester Kaurismäki-Manier, der in Cannes viel Applaus geerntet hat. Den Biss von "Der Mann ohne Vergangenheit", der 2002 in Cannes gleich mit zwei Auszeichnungen gewürdigt wurde, dem Großen Preis der Jury und dem Preis für die beste Darstellerin (Kati Outinen), hat die Tragikomödie jedoch nicht.

Verzaubert, wie im Märchen

In "Le Havre" bleibt der Finne nicht nur seinem Stil, sondern auch seinen Schauspielern treu. André Wilms spielt den Schuhputzer, der zusammen mit seinen Nachbarn ein Wohltätigkeitskonzert für Idrissa organisiert. Kati Outinen spielt seine bettlägerige Ehefrau, die wie durch ein Wunder von ihrer schweren Krankheit geheilt wird. Ein Glücksgriff ist Kaurismäki mit dem vielfach prämierten Jean-Pierre Darroussin gelungen, der den Kommissar Monet spielt.

Der Film verzaubert und wirkt wie ein Märchen - manche Kritiker sahen darin eine gewisse Gefahr. Statt Lösungen für das brisante Thema anzubieten, habe Kaurismäki eine "filmische Flucht aus dem realen Leben" gedreht, in der "gute Absichten ausreichen."

Er sei zu sensibel für traurige Filme, entgegnete der Regisseur und erläuterte, "Le Havre" sei kein realistischer Film, sondern ein Happy End.

Sabine Glaubitz, DPA DPA

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