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"Lost Children": Kindersoldaten suchen Frieden

Seit fast 20 Jahren entführen Rebellen in Uganda Kinder, die für sie kämpfen sollen. Ein bewegender Dokumentarfilm zeigt ehemalige Kindersoldaten auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft.

Von Thomas Krause

Seit fast zwanzig Jahren herrscht im Norden Ugandas Bürgerkrieg. Immer wieder überfällt die fanatisch-religiöse Rebellenorganisation Lord's Resistance Army (LRA) Dörfer und entführt Jungen und Mädchen, die in ihren Reihen kämpfen sollen. Teilweise erst sechsjährige Kinder werden zum Töten ausgebildet. Nur selten gelingt ihnen die Flucht aus der Rebellenarmee. Und noch viel seltener gelingt es, diese Kindersoldaten wieder in ihre Familien zu integrieren. Dennoch gibt es Menschen, die genau das versuchen: die Mitarbeiter von Caritas International, die in Pajule, mitten im Krisengebiet, ein Auffanglager für entflohene Kindersoldaten betreiben.

Die Dokumentarfilmer Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi haben sich der Situation der ugandischen Kindersoldaten und deren Sozialarbeitern angenommen. Anhand der Schicksale von vier Kindern zeigen sie deren schwierige Rückkehr in die zivilisierte Gesellschaft. Für die Dreharbeiten reisten Stoltz und Ahadi ins Kriegsgebiet und begleiteten Monate lang mit ihren Kameras die Entwicklung der Kinder.

Töten oder getötet werden

Die Stärke des Films ist, dass er das Thema der Kindersoldaten in keiner Weise reißerisch präsentiert. Die Sequenzen, die Gräueltaten oder deren Opfer zeigen, umfassen nur sechs der 96 Filmminuten. "Der Zuschauer soll im Kino emotional involviert werden", sagt Ahadi. Ihr Ziel erreichen die beiden Filmemacher, indem sie den Zuschauer durch die Erlebnisberichte der Opfer mit der Brutalität des Krieges konfrontieren. Wenn achtjährige Kinder erzählen, welche Grausamkeiten ihnen befohlen wurden und wie oft sie vor der Wahl standen, die Befehle auszuführen oder selbst getötet zu werden, fällt es schwer, diesen Erzählungen gegenüber gleichgültig zu bleiben.

Es überrascht einen fast, diese Kinder lachen und spielen zu sehen. So gibt der Film Anlass zur Hoffnung, dass zumindest einige ihren Platz im Leben wieder finden könnten. Eine Hoffnung, an der sich auch die Mitarbeiter des Camps aufrichten. Der 29-jährige John Bosco versucht, die Familien der Kinder aufzuspüren und zwischen ihnen und den Kindern zu vermitteln. Oft muss er erleben, dass die Kinder nicht wieder aufgenommen werden, weil sie auch gezwungen wurden, eigene Familienmitglieder zu töten. Aber selbst, wenn die Kinder niemanden getötet haben, gelten sie wegen ihrer "Mitgliedschaft" in der LRA als von bösen Geistern besessen, sodass bei Nachbarn und der ganzen Dorfgemeinschaft Vorbehalte herrschen.

Schlecht bezahlte Arbeit unter Lebensgefahr

Die 23-jährige Grace Arach hat allein in den vergangenen zwei Jahren 800 Kinder betreut, von denen die überwiegende Mehrheit selbst getötet hat. Weil sie Tag für Tag die schrecklichen Erlebnisse der Kinder anhört, hat sie Angst, verrückt zu werden. Dennoch gibt sie ihr Engagement für die ehemaligen Soldaten nicht auf, obwohl sie wenig Geld bekommt und beinahe täglich ihr Leben riskiert.

Denn auch das Auffanglager liegt in einem Gebiet, in dem täglich mit Überfällen der LRA auf der Suche nach neuen "Soldaten" zu rechnen ist. Kein resozialisiertes Kind ist davor gefeit, aus seinem Dorf ein weiteres Mal entführt und zum Kriegsdienst gezwungen zu werden. Ein Schicksal, das eventuell auch einem der porträtierten Kinder widerfahren ist. Der Junge blieb nach einem Überfall der Rebellen auf sein Dorf verschwunden. Ob er getötet wurde oder selbst wieder töten muss, weiß niemand.

Der Film ist immer sehr nahe an den Menschen und ihren Schicksalen, lässt es jedoch nie an Respekt mangeln. Ein sehr guter, engagierter und sehenswerter Film. Wer aber bei Nachrichten aus Kriegsgebieten den Fernseher abschaltet, sollte sich besser andere Filme anschauen.