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Neu im Kino "The Green Wave" Als Grün die Farbe der Hoffnung war

Vor zwei Jahren sind die Menschen im Iran gegen ihr Regime auf die Straße gegangen - und wurden brutal niedergeknüppelt. Der Filmemacher Ali Samadi Ahadi erinnert mit seiner bewegenden Doku-Collage "The Green Wave" an die iranische Protestbewegung, die dieser Tage erstaunlich aktuell ist.
Von Carsten Heidböhmer

Lange, bevor sich die arabische Welt gegen ihre Despoten erhob, wagte die Bevölkerung im Iran den Aufstand. Die Auseinandersetzung zwischen Millionen Demonstranten und der Staatsgewalt entzündete sich an dem Ausgang der Wahlen 2009. Breite Teile der Teheraner Bevölkerung unterstützten damals den Kandidaten der Opposition, Mir Hossein Mussawi. Er weckte bei vielen Menschen große Hoffnungen auf einen Wandel in der islamischen Republikum und wurde so zur Symbolfigur der "Grünen Revolution".

Der deutsch-iranische Regisseur Ali Samadi Ahadi ("Salami Aleikum"), der den Iran mit zwölf Jahren verließ, um nicht als Kindersoldat in den Krieg gegen den Irak ziehen zu müssen, hat der Protestbewegung nun ein eindrucksvolles filmisches Denkmal gesetzt. Angefangen mit der Begeisterung im Wahlkampf, über die großen Hoffnungen am Wahltag, bis zu dem großen Entsetzen nach der Wahl, als Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad erneut zum Präsidenten erklärt wurde. Die enttäuschten Wähler wollten sich damit nicht abfinden. Sie gingen zu Millionen auf die Straßen und fragen: "Where is my Vote? / Wo ist meine Stimme?". Das Regime wusste sich nicht anders zu helfen und knüppelte die friedliche Protestbewegung brutal nieder, Hunderte wurden gefoltert, Tausende verschwanden in den Gefängnissen. Davon erzählt "The Green Wave" auf eine ganz besondere Art.

Eigene ästhetische Lösung

"The Green Wave" ist eine Collage aus verschiedenen Quellen: Filmaufnahmen, Handyvideos, Interviews mit Zeitzeugen und Experten, vor allem aber stützt sich Ahadi auf Blogs von Demonstranten, aber auch Soldaten. Diese visualisiert er jedoch nicht, indem er die Szenen nachspielen lässt - wie das bei historischen Dokus inzwischen üblich ist -, sondern findet eine eigene ästhetische Lösung: Er zeigt sie als animierte Comic-Szenen. Gerade durch diese offenkundige Ästhetisierung gewinnt der Film an Glaubwürdigkeit und emotionaler Wucht: Hätte er versucht, die Gewalt in Teheran auf den Straßen Kölns nachzustellen - das Resultat wäre peinlich geworden wie eine Mittelalter-Dokumentation von Guido Knopp. Durch die Offenlegung der rekonstruierten Szenen zeigt Ahadi, dass es sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte. Für die Authentizität bürgen die Tagebucheinträge, die aus dem Off verlesen werden. Sie zeugen auf erschütternde Weise von den Gefühlen und Ängsten der Menschen im Iran.

Zu Beginn der Dokumentation dominiert dokumentarisches Material. Die Wahlkampfauftritte von Mussawi, die Begeisterung der Menschen, all das ist filmisch gut dokumentiert. Doch in den Tagen nach der Wahl versiegt der Strom an authentischem Filmmaterial. Das Regime hat die Schotten dicht gemacht, Blogs und Twitter sind der einzige Kontakt der iranischen Bevölkerung zur Außenwelt. Rund 1500 solcher Webseiten hat Ahadi für seinen Film gesichtet. Durch diese subjektive Perspektive erlebt der Zuschauer die Geschehnisse so unmittelbar, als sei er selbst in Teheran dabei gewesen. Die furiose Mischung aus Dokumentation und Fiktion, gefilmten Bildern und Comicszenen entwickelt einen ungeheuren Sog. Dass dabei ein kohärentes Ganzes und kein Stückwerk herausgekommen ist, ist den beiden Cuttern Andreas Menn und Barbara Toennieshen zu verdanken.

Anzeichen für eine Renaissance

Man kan durchaus einige der im Film transportierten Sichtweisen hinterfragen: Ist Mussawi wirklich der richtige Kandidat, der das Land modernisiert? Und kann es nicht doch sein, dass Ahmadinedschad die Mehrheit der iranischen Wähler, die zum überwiegenden Teil außerhalb Teherans leben, auf sich vereinigt hat - dass die Teheraner einfach anders gewählt haben als der Rest des Landes? Doch das ist gar nicht wichtig - denn der Film erzählt aus der Innenperspektive des Landes. Vor allem aber haben die Iraner jedes Recht, für ihre Meinung auf die Straße zu gehen, ohne brutal niedergeknüppelt zu werden.

Es gibt Anzeichen, dass die grüne Protestbewegung im Zuge der Aufstände in der arabischen Welt wieder auflebt. Wer "The Green Wave" gesehen hat, kann verstehen, welche Wut, welche Enttäuschung, welcher Frust in den Menschen steckt. All das schlummert noch, kann jederzeit wieder zum Leben erwachen. Das Regime sollte sich nicht zu sicher wähnen.

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