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Berlinale-Gewinner "Nader und Simin" Farhadi bietet tiefe Einblicke ins iranische Familienleben


Asghar Farhadi gehört zu den wenigen im Iran lebenden Filmemachern, die derzeit ihre Arbeiten im Ausland zeigen können. Sein Drama "Nader und Simin - Eine Trennung" bietet einen seltenen Einblick in den Alltag iranischer Familien.

Natürlich war es auch eine politische Entscheidung der Berlinale-Jury, den Goldenen Bären dieses Jahr an den Iran zu vergeben - dorthin, wo Filmemacher verfolgt, mit Berufsverbot belegt und zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Doch Asghar Farhadis Familiendrama "Nader und Simin - Eine Trennung" ist ein starkes, künstlerisch überzeugendes Stück Kino, auch wenn man einen gewissen Solidaritäts-Bonus abzieht. Der Film bietet seltene Einblicke in die iranische Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne.

Farhadi gehört zu den wenigen im Iran lebenden Filmemachern, die derzeit ihre Werke im Ausland zeigen dürfen. Der jüngste Film von Farhadis Landsmann Jafar Panahi zum Beispiel wurde auf einen USB-Stick kopiert in einem Kuchen ins Ausland geschmuggelt. Und auch Farhadi spürt den Druck der Zensur ständig, wie er anlässlich der Berlinale-Ehrung im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sagte. "Schon bevor man den Film macht und am Drehbuch arbeitet, muss man bestimmte Dinge im Kopf haben und beachten", so der Regisseur.

Farhadi ist ein Meister der subtilen Gesellschaftsanalyse, der vordergründige politische Anspielungen geschickt umgeht. Das bewies er bereits mit dem Beziehungsdrama "Alles über Elly", für das er 2009 einen Silbernen Bären für die beste Regie erhielt. "Nader und Simin" ist die Geschichte der dramatischen Trennung eines Ehepaares - ein Film, der ohne reißerische Effekte den schwierigen Alltag des Mittelstands im Iran spiegelt.

Simin will sich von ihrem Ehemann scheiden lassen. Mit der gemeinsamen Tochter möchte Simin ins Ausland gehen, um dem Kind dort eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Doch Nader will seinen an Alzheimer erkrankten Vater nicht allein im Iran zurücklassen. Als Simin zu ihren Eltern zieht, stellt Nader eine schwangere, aus einer armen, religiösen Familie stammende Pflegerin für seinen Vater ein. Doch Nader erfährt, dass die überforderte Helferin den Vater vernachlässigt. Es kommt zu einer Kurzschlussreaktion, die Nader unter Mordverdacht vor Gericht bringt.

"Ich bin kein Held, ich bin ein Filmemacher"

Farhadi erzählt eine Parabel über Schuld und Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen - das ist spannend wie ein Krimi. Ganz nebenbei erfährt der Zuschauer, wie unterschiedlich Alltag und Lebensentwürfe der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten im Iran sind. Herausragend sind die Schauspieler, die ganz natürlich und unprätentiös agieren - allen voran Leila Hatami als Simin und Peyman Moadi als Nader. Als Ensemble erhielten alle Darsteller von "Nader und Simin" beide Silbernen Bären für die beste weibliche und männliche Schauspielerleistung.

Als er auf der Berlinale gefragt wurde, warum er sich nicht stärker für die Meinungsfreiheit in seinem Land einsetze, sagte Farhadi: "Es gibt zwei Möglichkeiten. Ich kann das sagen, was Sie wollen - mit dem Ergebnis, dass ich Probleme bekomme und keinen Film mehr machen kann. Oder es gibt die Möglichkeit, dass ich so viel rede wie ich kann und dafür weiter Filme machen kann". Farhadi meinte weiter: "Ich bin kein Held, ich bin ein Filmemacher. Wenn ich etwas zu sagen habe, sage ich das durch meine Filme." Ob er Angst hat, irgendwann keine Filme mehr drehen zu können? "Das ist eine Angst, die alle Filmemacher im Iran haben."

Elke Vogel, DPA DPA

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