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"Mondkalb": Ich will dich, komm mir bloß nicht zu nahe

Da bleibt einem das Popcorn im Halse stecken: "Mondkalb" zeigt meisterlich, wie zwei Menschen aneinander scheitern. In den Hauptrollen brillieren Juliane Köhler als Wortkarge à la Ingmar Bergman und "Vorzeige-Ossi" Axel Prahl als Schläger-Papa.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Haben wir nicht schon genug Sorgen? Muss ausgerechnet auch noch das Kino daherkommen und vor uns in aller Leinwandbreite Probleme sezieren? Da bleibt einem ja das Popcorn im Halse stecken! Die Liebesschmonzetten-Fraktion und das Lager der Action-Fanatiker sind bei Sylke Enders Drama "Mondkalb" schlecht bedient.

Der Plot ist ein kompaktes Flechtwerk aus Mega-Problemen. Jedes Lachen wäre nur verdächtig. Wer noch unter Post-Weihnachtstraumata leidet oder sich aus anderen Gründen in melancholischen Zuständen aufhält, der mag den cineastischen Brocken nur schwer schlucken. Und doch, trotz aller Warnhinweise: Nichts wie rein in den Film! Die Regisseurin hat ein wahres Meisterstück abgeliefert: handwerkliche Brillanz plus feinfühlige Erzählweise.

Zudem hat sie ein Thema gefunden, auf das wohl fast jeder mindestens einmal in seiner Beziehungslaufbahn stößt. Im Zentrum stehen zwei Menschen, die nicht aus ihrer Haut können und trotzdem versuchen, zueinander zu kommen. Das ewige Spiel "Ich will dich, aber komm mir bloß nicht zu nahe".

Erste Schritte

Alex (Juliane Köhler) zieht in eine ostdeutsche Provinzstadt, in das Haus ihrer verstorbenen Großmutter, um dort ein neues Leben zu beginnen. Hinter ihr liegen sechs Jahre Gefängnis. Sie saß ein, weil sie ihren Mann halbtot geschlagen hatte.

Die ersten Schritte in ihr neues Leben sind zögerlich, sie hält den Blick gesenkt, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Da stolpert ihr Piet (Axel Prahl) vor die Füße, scheinbar munter wie ein Fisch im Wasser, kontaktfreudig und redselig. Und von Anfang an sehr interessiert an dem Neuzugang. Doch Alex wehrt sich gegen jeden Versuch der Annäherung, aus Angst, die gleichen Fehler noch einmal zu machen. Doch es gibt kein Entkommen, denn auch Piets zwölfjähriger Sohn Tom (Leonard Carow) ist extrem anhänglich. Er sieht in Alex eine Art Mutterersatz - seine eigene Mutter nahm sich vor vier Jahren das Leben. Wie eine schwere Last liegen auf der Dreierkonstellation die Sehnsucht nach Nähe und zugleich die Panik vor neuen Wunden. Und gerade als es so aussieht, als wäre ein Neuanfang möglich, zündet Tom das Auto seines Vaters an.

Kaum Geld, dafür ein Ausnahmetalent

"Mondkalb" ist ein weiteres Beispiel dafür, dass schwer verdauliche Stoffe nicht gerade mit dem größten Geldbeutel produziert werden. Nicht besonders verlockend für einen Schauspieler, vor allem wenn er gerade dreimal in Folge bei Low-Budget-Filmen mitgemacht hat, so wie Hauptdarsteller Prahl. Als Enders ihn anrief, habe er deshalb, wie er erzählt, erst mal ziemlich schroff reagiert: "Ich habe geraunzt, diese 'Umsonst- und Draußenfilme' habe ich jetzt dicke, ich muss irgendwann auch mal Geld verdienen."

Doch die erste Reaktion war schnell vergessen, das Lesen des Drehbuchs stimmte den "Vorzeige-Ossi" des deutschen Kinos sofort wieder versöhnlich. Zum Glück, denn Prahl gehört in diesen Film wie Oliver Kahn ins Tor. In seiner Rolle gelingt es ihm auf subtile Weise zu zeigen, wie brüchig das Konstrukt Leben ist. Wie ausgeliefert Piet eigentlich sich selbst ist, wenn er auf seinen Sohn brutal eindrischt.

Eine beklemmende Szene, beängstigend in ihrer Realistik, aber weckt sie auch die Neugierde auf diesen Jungen, der den Verschlossenen und Gequälten so eindrucksvoll spielt.

Für "Mondkalb" gab es Coaching von Mama und Papa, sagt Carow. "Ich habe ganz viel mit meinen Eltern darüber geredet, und die haben sehr auf mich aufgepasst. Wenn mich etwas an der Rolle bedrückte, haben wir immer gleich darüber gesprochen". Es ist nicht sein erster Leinwandauftritt. Auch in Jo Baiers "Stauffenberg - Aufstand des Gewissens" war er bereits zu sehen. Und man wird von dem 13-Jährigen sicher noch viel hören. Da wächst ein Ausnahmetalent heran.

Überzeugendstes Argument

Wer jetzt noch unschlüssig ist, ob er sich eine Kinokarte kaufen soll oder nicht, hat selbst Schuld, er droht einen aufrüttelnden Film mit atmosphärischer Dichte zu verpassen. Das überzeugendste Argument für den Kinobesuch ist aber wohl eine bravouröse Juliane Köhler.

Ihr vorwiegend stummes Spiel, die Audruckskraft ihrer Gesten, ihre Haltung sind die Leistung einer großen Schauspielerin. "Oh toll, keinen Text merken", habe sie früher über solche Rollen gedacht, sagt Köhler. Beim Nachspielen einer Szene zwischen zwei Frauen aus dem Bergman-Film "Persona" habe sie dann begriffen: Die, die nicht spricht, hat die viel schwierigere Rolle.

Zum Schluss geht man mit einem offenen Ende heim und der Erkenntnis, dass Eindeutigkeit eine Illusion ist. Bei genauerer Betrachtung löst sich schließlich alles auf - kein Gut, kein Böse. Ganz im Sinne der Regisseurin: "Darauf möchte ich aufmerksam machen. Wenn wir andere beurteilen und verurteilen, sollten wir bitte bei uns selbst anfangen", sagt Enders.

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