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Dubstep-Hit "Too Close": Racheakt mit dröhnenden Bässen

Alex Clare wurde mangels Erfolgs von seiner Plattenfirma rausgeschmissen. Doch dank eines Werbeclips zog sein Song "Too close" überraschend in die Charts ein und mit ihm die irritierenden Bässe des Dubsteps.

Von Niels Kruse

Puristen schütteln sich natürlich. Aber das tun sie eigentlich immer, wenn ihr Sound plötzlich von der Chartspitze heruntergrüßt. Oder, noch schlimmer, als musikalische Untermalung von Werbeclips aus den Fernsehern tönt. Das war bei Vanilla Ice so, der mit "Ice, Ice, Baby" 1990 als erster weißer Rapper kommerziellen Erfolg hatte. Das war bei Marusha so, die vier Jahre später mit ihrer Version von "Over the rainbow" Techno endgültig der Masse auslieferte. Und das ist auch bei Alex Clare so, der zurzeit die Hitparaden mit "Too Close" anführt - einem Song, der wegen seines eindringlichen Basslaufs unter Dubstep firmiert.

Jeder Sound hat seine Zeit und nun ist es eben Dubstep, der seinen Weg von den Undergroundclubs in London an die Spitze der deutschen Hitparaden gemacht hat. Rund zehn Jahre brauchte er dafür. Ende der 90er, Anfang des neuen Jahrtausends mischten die ersten Produzenten Elemente aus Drum and Bass mit denen von 2Step, einer unkonventionelleren House-Variante. Herausgekommen sind vor allem schleppende und schwere Beats, über die ein Bass läuft, der wie ein Haufen Sägeblätter swingt und so gut wie nichts mit klassischen Harmonien zu tun hat.

"Das klingt wie mein Hund"

Wie das klingt? "Wie mein Hund", sagt ein kleines Mädchen in einem sehr süßen Video des Dubstep-Produzenten Skrillex, in dem kleine Kinder über die derzeit erfolgreichste Spielart elektronischer Tanzmusik philosophieren. Der Künstler selbst zählt zu den Topstars des Genres. Er gewann dieses Jahr drei Grammys und hat das Titelstück für das Computerspiel "Syndicate" geschrieben. Die meisten Stars der Szene aber sind nur einem kleineren Publikum bekannt. Bis vielleicht auf die Britin Katy B., die als "Königin des Mainstream-Dubstep", bereits einige Hits in Großbritannien hatte.

Nun also steht auch der Londoner Alex Clare vor seinem Durchbruch. Sein Album "The Lateness Of The Hour" ist bereits ein Jahr alt. Als es damals herauskam, wurde es von Kritikern gelobt, doch von den Käufern verschmäht. Dabei hatte die Plattenfirma extra die Erfolgsproduzenten Diplo und Switch (unter anderem Major Lazer, M.I.A. und Usher) engagiert. "Sie wissen wie man eine Basslinie knackig und nett klingen lassen kann", sagte Clare über die beiden in der britischen Tageszeitung "Guardian". Das die Singleauskopplung "Too Close" dann doch noch ein Erfolg wurde, lag ausgerechnet an Microsoft. Der Softwarehersteller benutzte die Single für die Werbung des neuen Internetbrowsers. Seitdem dröhnt der Bass nicht nur in den deutschen Charts, sondern auch in den USA und in Großbritannien.

Dubstep mischt sich mittlerweile mit allem und jeden

Dabei macht Alex Clare im Grunde keinen echten Dubstep, sondern moderne Popmusik mit elektronischen Einsprengseln. Sci-Fi-Soul nennt der "Guardian" seine Musik. Allerdings hat sich Dubstep im Laufe der Jahre ohnehin in alle möglichen Richtungen entwickelt. Es gibt Künstler, die mischen ihn mit Reggae, andere mit Minimaltechno. Es gibt Varianten mit Afro-Jazz, im Eurodance-Stil und die neueste Strömung, Post-Dubstep genannt, kann auch schon mal in Richtung Spoken-Ambiente gehen, wie Jamie XX Remixalbum der US-Soul- und Jazz-Legende Gil Scott-Heron.

Wie gesagt: Puristen und eingefleischte Fans des Dubsteps werden sicher die Nase über den Erfolg von "Too close" rümpfen. Sie werden von Ausverkauf reden und davon, dass nun das Ende von Dubstep beginnt. Alex Clare, übrigens ein Kurzzeitlover von Amy Winehouse, wird es egal sein. Denn der unerwartete Hit dürfte auch eine süße Rache an seiner Plattenfirma Island Records sein. Die hatte ihn nach dem Flop seines Debütalbums kurzerhand rausgeworfen, weswegen Clare wieder als Immobilienmakler arbeiten musste. Mittlerweile steht er wieder im Studio und nimmt seine nächste Platte auf. Und in wenigen Wochen startet seine Europatournee, die ihn auch nach Berlin, Hamburg und München führen wird. Die langjährigen Clubgänger werden sicher nicht dabei sein.