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SCHEIBES KOLUMNE: Früher war alles besser

Blasphemisch ist der Gedanke: Wir brauchen den Computer gar nicht. Werfen wir ihn doch in den Müll, die Spaßbremse, und genießen wieder die kleinen Freuden aus der Prä-Computer-Ära. Wie bitte? Sie haben vergessen, wie und was das war? Dann drehen Sie die Uhr doch einmal ein wenig zurück.

Heute sitzt der typische Teenager den lieben Tag und oft auch noch die halbe Nacht vor der PC-Glotze. Und warum? Es gilt, im Internet zu chatten, um mit wildfremden Leuten völlig verkürzte Textzeilen auszutauschen, die nur aus albernen Akronymen und Smileys bestehen. Kids, die nicht chatten, hocken vor der Kiste, um in Diablo und anderen PC-Spielen virtuelle Monster zu jagen. Die Vorstellung der Kids von einem gemütlichen Come-together besteht darin, mehrere Rechner zu vernetzen, um im Deathmatch-Modus gemeinsam einsam aufeinander einzuprügeln.

Früher haben wir uns als Teenager bei Alex getroffen, die Fenster verhängt und Kerzen angemacht. Dann kam das Steingut-Teeset auf die Orangenkiste – natürlich mit aromatisiertem schwarzen Tee aus dem Teeladen aus Zehlendorf Mitte. Neil Young heulte sein »Like A Hurricane« von der Langspielplatte. Wir diskutierten über gute Gitarrenmusik, über den perfekten Tee und darüber, warum Anke wohl heulend von der letzten Schmuseparty nach Hause gelaufen ist. Anscheinend hatte Thomas seine Hand allzu wagemutig da hingesteckt, wo sie nichts zu suchen hatte. Später dann ging's bei den Pfadfindern hoch her. Zelten auf dem Ami-Militärplatz. Regen plätschert von draußen auf die Jurtenplane, während drinnen der Hexenkessel mit russischem Tschai auf dem Holzfeuer brutzelt. Eine Flasche Rum auf zehn Liter Schwarztee, dazu Zimtstangen als Zigaretten und ein erstes Mädchen im Schlafsack.

Jeder Fan sein eigener Verleger

Heute ist jeder Fan sein eigener Verleger. Jeder kann ein eigenes Magazin ins Internet stellen und die Besucher zur Lektüre bitten. Tolle Clipart-Sammlungen, 3D-Baukästen und HTML-Designer erlauben es, dass jeder Anfänger eine optisch brillante Homepage gestalten kann. Finanziell muss niemand in eine solche weltweite Wandtapete investieren. In der Folge gibt es tausende Online-Magazine – aber keine Leser mehr.

Früher war es uns ein Bedürfnis, unsere Liebe zur Science-Fiction schriftlich zu fixieren und das Werk vielen Fans zugänglich zu machen. Es gab ein deutschlandweites Netz aus Fans und Freaks, die sich gegenseitig ihre kopierten Fanzines zuschickten und auf Cons viel Spaß beieinander hatten. Nob lernte auf dem Colonia Con in Köln, wie man Spaghetti kocht. Ich stellte auf meiner ersten richtigen Kneipentour fest, dass Kölsch beim Sitzen wie Wasser schmeckt, beim Aufstehen aber gerne den rechten Schwinger ins Kleinhirn landet. Wir tippten damals zwischen den Cons unsere Fanmagazine auf einer elektrischen Schreibmaschine und tricksten dabei mit den Leerzeichen, um einen künstlichen Blocksatz hinzubekommen. Überschriften wurden mit Letraset-Klebebuchstaben gerubbelt, auch wenn ein Bogen schweineteuer war. Aber – wir waren irgendwie richtige Zeitungsmacher. Und 20, 30 Leute kauften unsere Hefte mit Namen wie PHÖNIX, TALES und NACHTSCHATTEN sogar. Irgendwann schenkte uns jemand einen Umdrucker, der mit öligen Matritzen gefüttert wurde, die keinen Tippfehler duldeten. Nob und ich kurbelten mit schmerzenden Armen um die Wette und wurden vom Spiritus in der Maschine ganz besoffen. So war es also, zur Presse zu gehören.

Die Bahn holpert nicht einmal

Heute fahren wir mit der Bahn, und sie holpert nicht einmal. Auf dem Schoß haben wir ein Notebook. Oder halten einen PDA in der Hand, auf dem ein Tetris-Spiel läuft. Piepsend ackern wir uns in den nächsten Level. Oder kommt das Piepsen vielleicht vom Handy, das so klein ist, dass man eine Weile suchen muss, bis man es endlich in der Jackentasche findet? Eine säuselnde Stimme liest den Namen der kommenden Station vor. Nebenan unterhalten sich zwei Männer im Anzug über die Vorteile von Windows 2000 gegenüber Windows ME.

Früher ratterte der Zug noch, dass einem die Zahnspange aus dem Kiefer sprang. Auf dem Weg nach Frankreich - mit dem Jugendticket in der Hand - zog Muppy das Fenster runter und hängte den Kopf in den Wind. Tatjana drehte sich mit Samson-Tabak die erste selbstgemachte Zigarette. Und alle Jungs ließen das zerfledderte U-Comic herumgehen, in dem gezeichnete nackte Frauen die tollsten Sachen machten. Jemand hatte das Klo vollgekotzt, und es gab nur noch Schokolade und Wasser aus der Bundeswehrflasche. Alle hatten ihre Beine im Abteil übereinander verhakt und lachten. Nur Uwe lag in der Ecke und schlief, während ihm die Spucke aus dem offenen Mund tropfte.

Mehr war da nicht

Verrückte Jugenderinnerungen oder Rückblicke in eine intensiver gelebte Zeit? Manchmal scheint es, als wäre es besser, den allgegenwärtigen Computer mal für eine Woche in die Ecke zu stellen, um den Spaß, die Menschen und das Leben neu zu entdecken. Damit wir uns in zehn, zwanzig Jahren mal mit ähnlicher Intensität an diese Zeit zurückerinnern. Und nicht pauschal resümieren: Ach ja, da haben wir vor dem Rechner gesessen. Und mehr? Na ja. Mehr war irgendwie nicht.

Carsten Scheibe

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