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"München": Tolldreiste Erzählungen eines Fantasiebegabten

Als "Gebet für den Frieden" versteht Steven Spielberg seinen Polit-Thriller münchen. Doch sein Anliegen leidet unter der mangelnden Faktentreue.

Es fließt viel Blut in seinem neuen Film, und die Einschusslöcher sind in Großaufnahme gut zu sehen. Dennoch ist "München" (Start: 26. Januar), das neue 70-Millionen-Dollar-Spektakel von Steven Spielberg, ein nachdenklicher Film. Im Zentrum steht die Frage: "Blut für Blut - wo führt das hin?" Aber Spielberg weiß keine Antwort, er versteht sein Werk als "Gebet für den Frieden". Der Regisseur und sein ebenfalls jüdischer Drehbuchautor Tony Kushner erzählen die Geschichte der geheimen Mordkommandos, die die Hintermänner des Massakers von 1972 jagen. Die Kamera begleitet den Killer Avner, der gleich ein halbes Dutzend Palästinenser ermordet, bis zu seinem Ausstieg.

Bisher hat der Film freilich mehr Streit als Begeisterung ausgelöst: Den einen ist er zu palästinenserfreundlich, den anderen viel zu weit von der historischen Wahrheit entfernt. Nun wollte Spielberg keinen Dokumentarfilm drehen. Aber dass er sich ausgerechnet das unglaubwürdigste Werk, das es zum Thema gibt, als Vorlage genommen hat, ist verwirrend. Der kanadische Journalist George Jonas bezeichnet sein 1984 erschienenes Buch "Vengeance" ("Rache") als die "wahre Geschichte eines israelischen Anti-Terror-Teams". Fachleute halten es über weite Strecken für Nonsens, denn es basiert auf den tolldreisten Erzählungen eines Avner, der wohl nur ein fantasiebegabter El-Al-Sicherheitsagent war.

Avner heisst in Wirklichkeit

Juval Aviv. Der ist 58 und betreibt seit 1979 in New York die Detektei Interfor Inc. Er spielte auch nach der Explosion einer Pan-Am-Maschine über dem schottischen Lockerbie eine dubiose Rolle, als er die publikumswirksame - aber falsche - These in die Welt setzte, die CIA sei in das Attentat verwickelt. Aviv lehnte es ab, nun mit dem stern zu reden.

Leider übernahm Spielberg einige seiner wirrsten Behauptungen. Ein alter deutscher Schulfreund namens Andreas, gesuchtes Mitglied der Baader-Meinhof-Bande, habe ihm Wohnungen besorgt und ihn an einen bizarren Schweizer Waffenhändler vermittelt. Bei dem will Aviv für sich und seine Crew Berettas sowie Pässe gekauft haben. Geheimdienstexperten halten das für Blödsinn. Warum sollte der Mossad, der über endlos viel Geld, exzellente Waffen und beste Beziehungen verfügt, sich mit Terroristen am Frankfurter Goetheplatz treffen? Sich Wohnungen, Waffen und Pässe besorgen lassen?

Noch schlimmer: Andreas bringt Aviv mit einem italienischen Linksextremisten in Kontakt, der die Adresse eines Palästinensers weiß, den der Mossad ausschalten will. Der Italiener reicht die Ahnungslosen weiter an einen dubiosen französischen Privatgeheimdienst namens Le Group. Der ist - so Aviv - besser informiert als der Mossad. Le Group muss so außerordentlich geheim gewesen sein, dass niemand je von seiner Existenz erfahren hat - außer Aviv.

Warum sollte der Mossad bei italienischen Untergründlern nachfragen, wo der PLO-Mann in Rom lebt? Der 38-Jährige wohnte ganz offiziell unter seinem Namen Wael Zwaiter in einer Wohnung an der Piazza Annibaliano im Norden von Rom. Und das seit 16 Jahren.

Claus Lutterbeck / print
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