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"Oben"-Regisseur im Interview: "Unser Film ist wie eine superstarke Tomatensauce"

175 Millionen Dollar und fünf Jahre Arbeit hat der neueste Streich aus dem Fantasielabor Pixar gekostet. "Oben"-Regisseur Pete Docter und Produzent Jonas Rivera verraten im Interview mit stern.de, warum der Anfang ein harter war, und was Trickfilme mit Gott zu tun haben.

Von Sophie Albers

Mister Docter, Sie haben mit "Toy Story", "Wall-E" und auch Ihrem neuen Film "Oben" Zeichentrick-Meilensteine gesetzt. Was ist Ihr Geheimnis?

Es liegt an den Leuten bei Pixar, an der Umgebung, in der wir arbeiten und daran, dass wir uns erlauben, Fehler zu machen. Es muss nicht schon beim ersten Mal perfekt sein. Das beschränkt einen nämlich. Pixar-Präsident Ed Catmull sagt: "Wenn du keine Fehler machst, riskierst du nicht genug". Wir werden also ermutigt, Fehler zu machen, Neues auszuprobieren, und uns die Zeit zu nehmen, die es braucht, Fehler zu korrigieren.

Wie viele Fehler hat "Oben" gebraucht?

Huuh, das sind so viele, die kann ich gar nicht zählen. Zu Beginn war es wirklich hart, als wir nach dem roten Faden der Geschichte gesucht haben. Es ist ja nicht einfach, diese Geschichte zusammenzufassen. Die Leute müssen sich den Film einfach angucken, dann verstehen sie es. (Lacht)

Sie haben mal gesagt, Sie packen immer ein Stück von sich selbst in die Charaktere. Wo sind Sie denn im alten Griesgram Carl zu finden?

Docter:

Nehmen Sie einen Maler, irgendwann erkennt man seinen Stil: die Komposition, das Thema, wie er das Licht setzt. Bei Trickzeichnern ist es ähnlich. Bestimmte Zeichner kann ich am Stil erkennen, daran wie die Figuren sich bewegen oder wie die Geschichte erzählt wird.

Jonas Rivera:

Pixar ist ein Studio der Regisseure. Da werden die Filme zu Selbstporträts, ob das nun gewollt ist oder nicht.

Aber wo ist der Carl in Ihnen, Mister Docter?

Sehen Sie ihn nicht? (Grimassiert)

Nein, nicht wirklich.

(Grimassiert wilder)

Oh, da ist er!

Docter: Die Wurzeln von "Oben" liegen ehrlich gesagt schon bei "Monsters Inc" [2001, Anm.d.Red.]. Als Regisseur musst du immer sicher gehen, dass die 300 Leute, die am Film arbeiten, all die Infos haben, die sie brauchen. Du musst immer positiv sein, motivieren, und das hat mich völlig ausgepumpt. Am Ende wollte ich einfach nur unter meinen Schreibtisch kriechen und mich verstecken. Und da hatten [Co-Regisseur und -Autor] Bob Peterson und ich die Idee von diesem Haus, das einfach wegfliegt. Da wollten wir drin sein!

Einfach abhauen.

Docter:

Genau. Ich glaube, jedem ging es schon mal so. Jeder wollte schon mal der Welt entfliehen!

Sie haben auch einmal gesagt, dass sie sich wie Gott fühlen, wenn Sie diese Charaktere zum Leben erwecken.

Docter:

Uahahahaha (lacht diabolisch und macht mit den Händen einen Marionettenspieler nach) Aber ernsthaft: Ich habe die Verantwortung, jedes Detail meiner Charaktere zu kennen, ihre Vorgeschichte, wie die Straße weiter unten aussieht, auch wenn wir da niemals hingehen. Ich brauche dieses gottgleiche Wissen von dieser Welt, damit ich sie so zum Leben erwecken kann, das es auch außerhalb des Kinos weitergeht.

Mister Rivera, Sie haben "Oben" produziert. Wie bringt man denn grenzenlose Fantasie mit Kosteneffizienz zusammen?

Es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass der Film, den Pete im Kopf hat, auf die Leinwand kommt. Dazu muss ich mich um Finanzen, Technik und das Team kümmern. Wir teilen alle diese Leidenschaft, Geschichten zu erzählen. Aber Sie haben schon Recht: Manchmal muss ich die Stimme der Vernunft sein. Alles ist möglich, aber zuweilen muss ich eben doch Grenzen setzen. Ich versuche dann, die Kreativität davor zu bewahren, in Fallen zu tappen, die vielleicht drei Monate in der Zukunft liegen. Ich muss immer gucken, was uns passieren könnte, Probleme vorhersehen, die vielleicht nie eintreten. Das hat etwas Spielerisches, ist aber auch hartes Balancehalten.

Eigentlich müssten Sie sich doch hassen?

Rivera: Und wie. (grinst)
Docter: Selbst wenn ich sage, dass etwas gut genug ist, er aber nein sagt, dann passiert es nicht. Dann müssen wir einen anderen Weg finden. Meistens geht es darum, Entscheidungen zu treffen, und Jonas ist wirklich gut darin, uns klar zu machen, was wohin führt. Wenn wir an diesem Detail länger arbeiten, haben wir keine Zeit mehr für den Hauptcharakter. Was wollt ihr tun? Als Regisseur verheddert man sich häufig in kleinen Detailfragen, und Jonas holt mich da wieder raus.
Rivera: Ich fliege oben drüber und habe alles im Blick.

Sie haben fünf Jahre an "Oben" gearbeitet. Ist es da nicht frustrierend zu wissen, dass die Leute für eineinhalb Stunden ins Kino gehen, und das war's?

Docter:

Ist es! Das ist wirklich verrückt. Wir sitzen wegen einer kleinen Sequenz in vierstündigen Meetings, und dann denke ich "Wow, das dauert ungefähr 80.000 mal länger, als die Stelle im Film." Aber das ist eben der einzige Weg, den wir gefunden haben, um es richtig hinzukriegen.

Rivera:

Manchmal kriegt man richtig Panik, wenn man darüber nachdenkt. Aber natürlich hoffen wir, dass unsere Filme für Menschen das bedeuten, was die alten Disney-Filme für uns bedeutet haben, als wir Kinder waren. Wir sitzen immer noch zusammen und reden über "Dumbo" und "Bambi", und die sind mehr als 60 Jahre alt. So hoch liegt unsere Messlatte. Nachdem ich als Kind "Schneewittchen" gesehen habe, wollte ich Trickfilme machen. Und nun hoffen wir, dass jemand "Oben" sieht und genauso denkt. Es hört nicht auf, wenn der Film aufhört.

Docter:

Das ist jetzt mehr eine "Ratatouille"-Analogie, aber ich dachte gerade an eine eingekochte Sauce: Du hast einen großen Topf Tomaten und kochst sie ein, bis nur diese winzige Menge superleckere, ungeheuer starke Tomatensauce übrigbleibt. Und das versuchen wir mit dem wahren Leben. Carl ist nicht nur ein alter Mann, er ist eine Superkarikatur, er ist mehr echter alter Mann als jeder echte alte Mann je sein wird.

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