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Pixar-Film "Soul" Pizza, Jazz und Tod: Disneys neuer Film gibt Antworten auf existenzielle Fragen unserer Zeit

Der Lehrer Joe Gardner (l.) im "Davorseits", ein Ort, wo Seelen ihre Bestimmung finden
Der Lehrer Joe Gardner (l.) im "Davorseits", ein Ort, wo Seelen ihre Bestimmung finden
© Pixar
Wo kommen wir her – und wo gehen wir hin? Der neue Pixar-Film "Soul" findet spielerische Antworten zu solchen Themen und ist darüber hinaus überaus unterhaltsam.

Schon die Fanfare klingt ungewöhnlich. Wohl noch nie wurde die vertraute Eröffnungsmelodie von Disneyfilmen mit so wenig Inbrunst gespielt – und mit so vielen falschen Noten und schrägen Tönen. Katzenmusik. Der Übeltäter ist eine gelangweilte Schulklasse, die ein Stück einstudieren soll, dabei aber nur Nerven und Gehörgänge ihres Lehrers strapaziert. Ein ziemlich biederer Typ namens Joe. Filzhut, Hornbrille und Rettungsring. Er ist schwarz und träumt von einer Karriere als Jazzpianist. So weit, so amüsant.

Wenig später hat dieser Lehrer einen Unfall und ist tot. Ja, richtig gelesen. Der Held von "Soul“, dem 23. computeranimierten Langfilm aus den Animationsstudios von Pixar, stürzt in einen offenen Gully, als der Film und Joes Karriere als Musiker gerade erst richtig ins Schwingen kommen. Im weiteren Verlauf landet Joe erst im Jenseits, dann im Davorseits und muss schließlich sich und eine andere Seele retten. Die spinnen, die Kalifornier, oder? Tun sie es wirklich?

Der bisher erwachsenste Film von Pixar

Ein Videoanruf bei den beiden Verantwortlichen. Für Pete Docter und Co-Regisseur Kemp Powers ist es noch früh am Morgen. Der eine sitzt in seinem Haus in Emeryville bei San Francisco, der andere in Los Angeles und würde gerade lieber frühstücken. Doch in wenigen Tagen läuft ihr aktueller Film an. Wegen Corona leider nicht im Kino, sondern auf der Streaming- Plattform Disney+. Auch das ist ein Novum für die erfolgsverwöhnten Macher von Pixar, die bereits 16 Oscars, zehn Golden Globes und einen Berg weiterer Preise einheimsten.

Pete Docter führte Regie und ist seit 2018 auch der Kreativ-Chef von Pixar
Pete Docter führte Regie und ist seit 2018 auch der Kreativ-Chef von Pixar
© Pixar

"Thematisch ist das sicher unser bislang erwachsenster Film“, sagt Pete Docter und wackelt etwas mit dem Kopf. "Erst in der Mitte des Lebens hält man inne und fragt sich: Wie viele Jahre bleiben mir noch? War das wirklich alles? Kommt da noch mehr?“ Powers ergänzt: "Die Leute von Pixar sagen nie: Lass uns einen Kinderfilm machen. Sie drehen in erster Linie Filme für sich selbst und reflektieren ihre persönlichen Erfahrungen und Gefühle.“ Powers ist 47, Docter 52.

Tatsächlich hat Pixar schon öfter die Sehgewohnheiten seiner jungen und älteren Zuschauer herausgefordert. Und so das offenbar unzerstörbare Klischee, Trick­filme wären zuallererst Unterhaltung für die Kleinen, nachhaltig zertrümmert. Es wurden geboten: ein Ausflug ins Reich der Toten ("Coco“), eine Ratte, die sich ausgerechnet in einer Großküche zum Helden, nun, mausert ("Ratatouille“) sowie der Untergang unserer Zivilisation wegen Klimawandel und Massenkonsum ("Wall-E“).

Zwei hochemotionale Themen in einem Film: Hautfarbe und Religion

Docter selbst führte Regie bei zwei der tiefgründigsten Dramen. Die Abenteuergeschichte "Oben“ von 2009 beginnt mit der Tragik eines Ehepaares, das keine Kinder bekommen kann und seinen Lebenstraum immer weiter aufschiebt – bis sie überraschend vor ihm stirbt. "Alles steht Kopf“ von 2015 spielt größtenteils im Kopf eines depressiven Teenagers und visualisiert abstrakte Gefühle wie Wut, Angst und Kummer.

Kemp Powers wurde ursprünglich nur als externer Berater für afroamerikanische Kultur 
angeheuert – und blieb bis zum Schluss
Kemp Powers wurde ursprünglich nur als externer Berater für afroamerikanische Kultur 
angeheuert – und blieb bis zum Schluss
© Pixar

Das neue Werk "Soul“ behandelt nun gleich zwei knifflige Themen: Religion und Hautfarbe. Joe ist der erste schwarze Hauptdarsteller in der 34-jährigen Geschichte des Studios. Seine Nachtod-Verwandlung in ein blaugrünes Schwammwesen, immerhin mit Brille und Hut, wirft außerdem weitere ungelöste Fragen auf.

Wie vermeidet man da einen potenziellen Shitstorm? Nun, erzählt Docter, sie hätten sich zur Vorbereitung mit wirklich sehr vielen Experten getroffen. Zuerst mit Vertretern verschiedener Religionen wie Christen und Hindus, Muslimen und indigenen Völkern. Sogar Schamanen und Yoga-Lehrer seien darunter gewesen. "Wir haben viel gelernt. Dass es sogar Juden gibt, die an die Wiedergeburt glauben“, sagt Docter. "Und allein in den USA ungefähr 36.000 Untergruppen des Christentums.“

Seelenwanderung in einer bunten Welt

Über das Leben nach dem Tod hatten die meisten viel beizutragen. Über das Leben vor dem Leben, den Ort, an dem die Seelen geformt werden, umso weniger. Docter: "Wir konnten uns also viel ausdenken.“

Und was sie sich da ausgedacht haben! Die Welt, in der sich Joe wiederfindet, nachdem er dem Tod ein Schnippchen geschlagen hat, wirkt, als wäre Picasso versehentlich im Teletubby-Land gelandet und hätte dort eine Zucht mit halluzinogenen Champignons eröffnet. Hier sollen noch ungeborene Seelen ihre Bestimmung finden, ihre Berufung. Und sie bekommen prägende Charakter-Eigenschaften eingeimpft. So sagt im Film einer der spirituellen Ausbilder zu seiner Gruppe: "Ihr fünf werdet unsicher sein. Und ihr zwölf egozentrisch.“ Hätten wir das auch geklärt.

Ein Film mit ganz eigenen Antwort auf die Fragen unserer Zeit

Als wäre diese Seelenwanderung inhaltlich nicht schon anspruchsvoll genug, spielt Jazz eine weitere Hauptrolle. Musik für eher erfahrene Hörer und Kenner. "Jazz, also improvisierte, schwarze Musik, passt gut zu unserer Grundidee, dass man Dinge auf sich zukommen lässt – und dann versucht, das Beste daraus zu machen“, erzählt Docter. Da der Film zudem in New York spiele, sei schnell klar gewesen, dass der Protagonist ein Schwarzer sein müsse.

Musiklehrer mit großen Ambitionen: Joe Gardner, der Held von „Soul“
Musiklehrer mit großen Ambitionen: Joe Gardner, der Held von „Soul“
© Pixar

Auch dafür holte man sich Rat. Neben dem eigens angeheuerten Autor Kemp Powers noch weitere Lehrer und Musiklegenden wie Herbie Hancock und Quincy Jones. "Man muss Hollywood noch beibringen, dass man nicht alle Schwarzen über denselben Kamm scheren kann“, sagt Powers.

Im Abspann von "Soul“ steht ein Hinweis auf die aktuelle Krise. Übersetzt: "Entstanden in Wohnungen mit mindestens sechs Fuß Abstand voneinander.“ Das ist etwas übertrieben, gesteht Docter im Gespräch. Seit vier Jahren arbeite er schon an dem Film, beim Ausbruch der Pandemie sei er schon so gut wie fertig gewesen: "Wir hatten Glück.“

"Soul" trifft absolut den Zeitgeist

Trotzdem passt der Film perfekt in die Zeit. "Black Lives Matter“, der Ruf nach mehr schwarzen Helden, hat das vergangene Jahr geprägt. Die Pause durch den Lockdown hat zudem viele Menschen zum Innehalten und ins Grübeln gebracht. Wollen wir wirklich so weiterleben wie bisher? Was ist wirklich wichtig – und was kann weg?

Das tiefgründige Meisterwerk "Soul“ findet darauf sehr eigene Antworten. Auch auf die Frage, ob selbst fette Katzen eine eigene Seele haben. Die Regisseure müssen darüber nicht lange nachdenken. "Mein Hund zeigt so viel Persönlichkeit, der muss eine haben“, so Docter. Powers druckst etwas herum. "Ich habe neulich die Netflix-Doku ‚Mein Lehrer, der Krake‘ gesehen und vermute jetzt, dass auch Oktopusse eine Seele haben“, sagt er. "Andererseits schmecken sie vorzüglich, ich werde sie wohl weiterhin essen.“

Erschienen in Stern 53/2020

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