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Hier kommt die Maus: Disneys Streaming-Dienst wirbelt die Branche auf – doch kann er die Corona-Ausfälle ausbügeln?

Ab dem 24. März ist der Streamingdienst Disney+ auch in Deutschland verfügbar. Der Entertainment-Gigant will nach dem Kino nun auch den Streamingmarkt beherrschen. Doch während das Coronavirus für einen Streaming-Boom sorgt, wird er für Disneys Kerngeschäft zur Gefahr.

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Es sollte der große Paukenschlag werden: Nachdem Disney im letzten Herbst seinen Streaming-Dienst Disney+ in wenigen ausgewählten Staaten startete, wollte der Maus-Konzern Ende März nun endgültig seinen Run auf den Streaming-Thron beginnen und auch in Europa und Indien mit Netflix und Co. in den Ring steigen. Doch während Streaming in der Corona-Krise boomt, bricht Disney das Kerngeschäft weg.

Starker Start

Dabei war der Konzern auf den Streaming-Krieg perfekt vorbereitet. Während Netflix und Co. seit Jahren alle Energie darein stecken müssen, sich mit starken Eigenmarken von den Konkurrenten abzusetzen, konnte Disney schon gleich zum Start mit einigen der wertvollsten Entertainmentmarken der Welt aufwarten. Von den klassischen Disney-Filmen, über die Animationshits von Pixar bis zu den Kassenmagneten aus dem "Star Wars"- und Marvel-Universum. Aus dem Kampfpreis von 7 Euro im Monat, eigens produzierten Serien wie dem gefeierten "The Mandalorian" und natürlich den unzähligen Blockbuster-Filmen entsteht so eigentlich ein schwer zu schlagendes Streaming-Angebot.

Das kam auch in den USA hervorragend an. 28,6 Millionen Abonnenten verkündete Disney-Chef Bob Iger beim letzten Quartalsbericht Anfang Februar. Das erscheint im Vergleich zu den von Netflix Ende 2019 gemeldeten 167,1 Millionen Nutzern zwar nicht allzu viel. Doch zu diesem Zeitpunkt gab es Disney gerade einmal drei Monate, zudem war der Dienst außer in den USA nur in fünf weiteren Ländern verfügbar. Netflix dagegen streamt seit zwölf Jahren, ist mittlerweile nach eigenen Angaben in 190 Ländern vertreten. 

Wäre Disney nur ein Streaming-Anbieter, hätte es kaum besser als zur aktuellen Weltlage starten können. Die Menschen sind wegen des Coronavirus vermehrt zu Hause, haben entsprechend mehr Zeit für Streaming. Für Netflix erwarten viele Analysten trotzdem keine Explosion an Abonnenten. Vor allem in den USA, aber auch weltweit hat der Konzern längst viele Haushalte erreicht, das Wachstumspotenzial ist entsprechend geringer als bei einem so gewichtigen Neustart wie bei Disney.

Disney bricht ein

Und trotzdem könnten sich die Börsenkurse der beiden Unternehmen kaum unterschiedlicher entwickeln. Während Netflix' Marktwert nach einem kleinen Absturz entgegen dem Trend nach oben klettert, hat es Disney besonders hart getroffen. Fast die Hälfte seines Börsenwertes hat der Konzern in den letzten Wochen verloren. Von den 260,3 Milliarden Dollar nach dem Höhepunkt zum Quartalsbericht im Februar sind nur noch 152,7 Milliarden geblieben. Damit ist Disney zum ersten Mal weniger wert als Netflix. 1,3 Milliarden Dollar unter dem Streaming-Konkurrent liegt der Entertainment-Gigant, im Februar hatte man noch satte 100 Milliarden Dollar Vorsprung.

Der Grund ist der Ausfall im Kerngeschäft des Konzerns. Während für Netflix Streaming das Hauptgeschäft ist, ist es für Disney nur Nebeneinnahme. Das große Geld fährt der Konzern immer noch mit den eigenen Themenparks wie Eurodisney ein, sie trugen gemeinsam mit dem Merchandising im letzten Quartal mit 7,3 Milliarden Dollar immer noch ein gutes Drittel des Gesamtumsatzes von 20,9 Millarden Dollar ein. Nachdem Disney Mitte März alle seine Parks schließen musste, bricht dieses Standbein nun zumindest zeitweise weg.

Und auch eine zweite wichtige Geldquelle wird fehlen: 3,8 Milliarden Dollar nahm Disney in den letzten drei Monaten 2019 mit seinen Kinoblockbustern ein. Nun müssen wichtige Filmstarts wie die Neuverfilmung des Klassikers "Mulan" verschoben werden, "Die Eiskönigin 2" verschwindet früher als geplant aus den Kinos und soll nun mit einem vorgezogenen Start Disney+ befeuern. Das robuste, aber kaum wachsende Geschäft mit eigenen TV-Sendern, das ebenfalls ein gutes Drittel der Einnahmen ausmacht, dürfte immerhin nicht von der Krise betroffen sein.

Aus dem Höhenflug in die Krise

Das Coronavirus droht so den Disney-Konzern von einer gigantischen Welle des Erfolgs in die Krise zu stürzen. Jahrelang schien das von Walt Disney gegründete Unternehmen kaum falsche Entscheidungen treffen zu können. Wie kein anderes Filmstudio schaffte es Disney, eine Blockbuster-Reihe neben der anderen zu betreiben, baute etwa das Marvel-Universum vom nerdigen Nischenphänomen zum kassenfüllenden Massenspektakel aus. 

Mit cleveren Zukäufen wie dem "Star Wars"-Studio Lucasarts und dem Konkurrenten 20th Century Fox baute man das Portfolio immer weiter aus. Mit gigantischem Erfolg: Von den 20 erfolgreichsten Filmen aller Zeiten (ohne Inflationsbereinigung) stammen nur fünf nicht von einem Studio, das heute Disney gehört. "Avengers: Endgame" knackte gar letztes Jahr mit 2,8 Milliarden die vorher zehn Jahre vom Superhit "Avatar" gehaltene Bestmarke. Der gehört übrigens mittlerweile ebenfalls zu Disney. Da ließen sich die seltenen Flops wie der als erster "Star Wars"-Streifen Verluste schreibende Ableger "Solo". leicht verkraften. Diese Sicherheit wirft die Coronakrise nun um.

Der Erfolg im Streaming-Markt ist für Disney also deutlich wichtiger, als das noch vor wenigen Wochen der Fall war. Je nachdem, wie lange das Coronavirus die Bewegungsfreiheit noch einschränkt, wird sich Disney+ eventuell sehr schnell zu einem der wichtigsten Standbeine des Konzerns mausern müssen, um den Absturz so abzufedern. Die Mittel dazu sind begrenzt: Die Produktion wichtiger Serien und Filme liegt wegen der Ansteckungsgefahren des Virus still. Doch unter diesem Problem leiden auch die Konkurrenten. Der Kampf um den Streaming-Thron bleibt spannend.

Quellen: Disney, Netflix, The Guardian, Business Punk, Market Watch, Liste umsatzstärkster Filme bei Wikipedia