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"Open Range": Melancholische Wiederbeatmung des Cowboymythos'

Kevin Costner führte bei diesem Western Regie. Behandelt wird der Konflikt zwischen Ranchern, die das Land unter sich aufteilen, und ungebundene Cowboys, die sich gegen die mächtigen Großgrundbesitzer wehren.

Nun reiten sie wieder, die romantischen Helden von gestern, und Kevin Costners Western-Revival "Open Range" ist nicht nur deshalb gut, weil Costner mit Cowboyhut auf einem Pferd gut aussieht. Der Schauspieler-Regisseur, der bereits in "Der mit dem Wolf tanzt" das Genre mitreißend uminterpretierte, korrigiert auch diesmal die eingefahrenen Vorstellungen über den Wilden Westen und seines Symbols, des freiheitsliebenden Kuhhirten.

Boss Spearman und seine dreiköpfige Crew sind keine Cowboys aus Berufung, sondern von Seelenpein getriebene Außenseiter, die als so genannte "Free Grazer", umherziehende Viehzüchter, in der grenzenlosen Prärie ihren Erinnerungen entfliehen. Doch schon werden sie durch raffgierige Zäunezieher aus dem Paradies vertrieben: Der skrupellose Rancher Baxter versucht mit Hilfe seiner Bande von Halsabschneidern und eines korrupten Sheriffs die nomadischen Cowboys zu vertreiben und sich ihre Herde einverleiben.

Auf einem Vernichtungsfeldzug

Die Ermordung von Spearmans Gehilfen Mose und die Verwundung seines jungen Schützlings Button stacheln den Widerstand der Cowboys aber erst richtig an, und sie verlassen die grünen Weiden, um in Harmonville einen Vernichtungsfeldzug gegen Baxter zu führen.

Es sind die vielfach gebrochenen Helden und ihre moralische Ausweglosigkeit, welche die eigentlich altmodische Handlung veredeln: Charley, einst Soldat im Bürgerkrieg, war selbst einmal ein Böser und muss sich nun erneut auf seine Killertalente besinnen.

Leise Tragik

Kevin Costner als Cowboy mit schwerer Macke ist mit seiner brodelnden Grimmigkeit unter seinen Bartstoppeln kaum wiederzuerkennen. Angesichts seines uneingestandenen Hanges zur zunächst einzigen Verbündeten des Duos, der etwas altjüngferlichen Arztschwester Sue, kommt sein Kriegstrauma erst richtig zum Blühen. Doch die Liebesgeschichte der beiden bleibt ebenso verhalten wie der Charakter des stoischen Haudegens Spearman: Altstar Robert Duvall verleiht der Rolle einen unnachahmliche Färbung aus leiser Tragik und gelegentlich aufblitzendem Galgenhumor.

Lakonisch ungeschminkte Dialoge

Und so konstatiert man mit wachsendem Erstaunen, dass Kevin Costner diesmal bis auf einzelne angekitschte Momente alles richtig gemacht hat: nicht nur hinsichtlich des schauspielerischen Understatements und der lakonisch ungeschminkten Dialoge über das Töten, sondern auch beim perfekt choreografierten, spannenden Shoot-Out nach bester "High Noon"-Manier.

Letzte Schlacht um bereits verlorenes Terrain

Die Beweihräucherung des blutigen Tuns bleibt dabei weitgehend aus - und auch die Kulissen beweisen das Bemühen um einen Realismus mit sprechenden Details, der sich vom gewohnten Western-Inventar abhebt. Bevor er zum Schießeisen greift, blättert der grobgeschnitzte Charley im örtlichen Kramladen in einem Warenhaus-Katalog, um Sue ein geblümtes Teeservice zu ersetzen, das er zerbrochen hat. Und so lautet die eigentliche Botschaft dieses besinnlichen Spätwesterns, dass die beiden "Lonesome Riders" ihre letzte Schlacht um bereits verlorenes Terrain ausfechten: Wo oberflächlich um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gekämpft wird, dreht sich doch längst alles ums Wurzeln schlagen.

Sehnsucht nach utopischer Freiheit

Schauplatz ist, wie bereits bei Clint Eastwoods Western "Erbarmungslos", die kanadische Provinz Alberta, und die atemberaubenden Landschaftspanoramen demonstrieren mit weher Inbrunst, wie viel die Cowboys aufgeben werden. Es ist gerade die Zerrissenheit seiner gebrochenen Helden zwischen Zivilisation und Natur und die wider besseres Wissen empfundene Sehnsucht nach utopischer Freiheit und gottgleicher Ungebundenheit, die in Costners paradoxem Western den romantischen Cowboy-Mythos grandios wiederbeatmet.

Birgit Roschy, AP / AP
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