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"Pulse": Wenn der Spam-Ordner tötet

Computer-Viren, die Menschen aussaugen: Horror-Altgröße Wes Craven hat das Internet entdeckt und einen kruden Cyber-Horrorfilm zusammengestückelt. "Pulse" will medienkritischer Horror sein - was herausgekommen ist, ist weniger gruselig als ein Grippe-Virus.

Von Jens Lubbadeh

Der Cyberspace ist ein umtriebiger Ort und zuweilen voller hässlicher Dinge. Eines der Hauptübel sind die vielen Viren, die Festplatten befallen und Computernutzer ärgern. Doch im Gegensatz zu ihren biologischen Vettern sind bei ihnen die Folgen meist absehbar: Statt Schnupfen, Pfeifferschem Drüsenfieber oder Aids gibt's im schlimmsten Falle "nur" den totalen Datenverlust.

Wie schrecklich wäre die Welt, wenn sich Menschen auch noch an Computerviren anstecken könnten! Das ist der Plot von "Pulse". Josh, College-Student und Computer-Freak, wird von einem leibhaftig gewordenen Computer-Virus "infiziert". Keineswegs aber mit "I Love You", "Sasser" oder "W32.Sober" - nein, dieses Virus scheint Josh förmlich "auszusaugen", sodass er jeglichen Lebensmut verliert und sich umbringt. Mattie, seine ahnungslose Freundin, ist von seinem plötzlichen Tod geschockt und will den Dingen auf den Grund gehen. Währenddessen geht der Spuk weiter und nach und nach begehen immer mehr Studenten Selbstmord.

Als Allegorie auf moderne Kommunikationswelt angelegt

Was der eigentliche Clou der Geschichte sein soll - Computerviren, die real werden - wird leider erst im letzten Drittel des Films erklärt. Zunächst erscheinen die Viren dem Zuschauer wie schnöde Geister. Egal ob Virus oder Geist – es spielt für den Film eigentlich keine wesentliche Rolle. Von seiner Struktur her ist "Pulse" nämlich ein ziemlich konventionell gestrickter Horrorstreifen, dem eine konfuse Cyber-Story aufgezwängt wurde. Auch wenn Regisseur Jim Sonzero offenbar größeres im Sinn hatte: "'Pulse' behandelt den Widerspruch unserer heutigen Kommunikationstechnologie. Wir sitzen Stunden vor unserem Computer. Schreiben E-Mails, surfen im Netz, geben uns der Illusion hin, mit dem Anderen in Verbindung zu treten", sagt er. "Virtuelle Interaktion ist für mich der Sündenfall, das verlorene Paradies." Sollte er tatsächlich vorgehabt haben, einen medienkritischen Horrorfilm zu drehen, so ist ihm dies gründlich misslungen. Zu plump wurde die Aussage darauf reduziert, Internet und Handy als grassierendes Virus darzustellen, das Leute vereinsamt, emotional aussaugt und tötet.

"Ring"-Stil schon längst nicht mehr Avantgarde

Handwerklich kann "Pulse" ebenfalls nicht überzeugen: Von 90 realen (und 150 gefühlten Minuten) Laufzeit, plätschert der Film mindestens 80 nur zwischen Studentenbude und Campus hin- und her, ohne dass die Geschichte an Fahrt gewinnt. Wäre es nicht so dunkel im Kino, würde man dem Drang, ständig auf die Uhr sehen zu müssen, sicherlich nachgeben. Regisseur Sonzero, bislang nur in der Werbung heimisch, durfte sich hier an seinem ersten Spielfilm versuchen. Das Ergebnis verliert sich in endlosen Lichtflackereien, körniger Webcam-Ästhetik und hat offensichtlich nocht nicht mitbekommen, dass dieser "Ring"-Stil schon längst nicht mehr Avantgarde ist.

Die im letzten Viertel hauruckartig vollzogene Kurve hin zum Endzeit-Epos kann man dann wohl nur noch als Größenwahn bezeichnen. In ihrer Unglaubwürdigkeit gibt sie auch noch der gutmütigsten Zuschauerseele den Rest. Entweder waren die Filmemacher zu faul oder zu geizig, um wenigstens ansatzweise zu zeigen, dass nicht nur die Uni vom Virus nach und nach ausgelöscht wird, sondern die ganze Nation (und wahrscheinlich auch noch gleich die ganze restliche Welt - aber mit solchen Details hält sich "Pulse" nicht auf). Stattdessen beschränkt sich Sonzero darauf, das dem Zuschauer nebenbei per Fernseh-Nachrichteneinblendungen mitzuteilen. Nicht, dass auf Menschen überspringende Computerviren etwa besonders realistisch wären - aber nichts ist für Filme mit utopischem Plot tödlicher, als wenn bei den Details und den Rahmenbedingungen geschlampt wird.

Remake eines japanischen Horrorfilms

Nicht nur die Optik bedient sich bei "The Ring", es gibt auch weitere, sicherlich ganz zufällige Parallelen zwischen "Pulse" und "The Ring": Beides sind Remakes japanischer Horrorfilme, beide Hauptdarstellerinnen ähneln sich frappierend (Kristen Bell in "Pulse" sieht aus wie eine jugendliche Version von Naomi Watts), und in beiden bringen Geister reihenweise Leute um, die mit einer Technologie konfrontiert wurden (Videotapes in "Ring", Computervirus bei "Pulse"). Es würde nicht verwundern, wenn sich Horror-Altgröße Wes Craven bei diesem Drehbuch vorgenommen hat, mal "irgendwas mit Internet und Horror" zu machen, nachdem ihm womöglich seine Tochter Handys, Internet und Wireless Lan erklärt hat. Doch Menschen, die tagtäglich mit Computern und Internet zu tun haben, wird "Pulse" einfach nur lächerlich vorkommen. Jedes "echte" Computer-Virus verbreitet mehr Angst. Hoffen wir, dass Wes Craven einen guten "Spam"-Filter installiert hat. Es könnte womöglich in einem Film enden, in dem real gewordene E-Mails Briefkästen überfluten und Computernutzer lebendig begraben.

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